Merz ohne Reform-Spielraum – Aktienmärkte trotzen Krisenlage! Der Hellmeyer der Woche KW19

 

Die Finanzmärkte sind freundlich gestartet, gestützt durch gute Quartalsergebnisse und eine bemerkenswerte Resilienz trotz geopolitischer Belastungen. Im Iran-Konflikt halten sich Hoffnung auf Deeskalation und Eskalationsrisiko die Waage. Das ifo-Institut warnt vor einer Rezession in Deutschland infolge neuer US-Zölle. Die laufende Woche bringt wichtige Daten: Der ADP-Bericht und die US-Non-Farm-Payrolls liefern Signale vom US-Arbeitsmarkt, finale Einkaufsmanagerindizes zeigen die Konjunkturtendenz, das Verbrauchervertrauen der Uni Michigan schließt die Datenwoche ab.

Geopolitische Lage: Iran zwischen Hoffnung und Risiko

Die Situation rund um die Straße von Hormuz bleibt das bestimmende geopolitische Thema. Ein neuer 14-Punkte-Plan des Iran stieß in Washington zunächst auf Ablehnung, wird aber derzeit in Teheran intensiv diskutiert. Folker Hellmeyer sieht die Lage als ausgewogen: Hoffnungswerte auf eine Deeskalation sind vorhanden, gleichzeitig bestehen reale Eskalationsrisiken fort.

Parallel dazu setzt sich im Ukraine-Krieg die Zerstörung der Energieinfrastruktur auf beiden Seiten ungebremst fort. Vor dem Hintergrund des Iran-Konflikts erhöht dies den geopolitischen Druck auf die globale Energieversorgung weiter – mit potenziell spürbaren Folgen für die Versorgungslage weltweit.

Deutschland: Reformunfähigkeit in struktureller Krise

Friedrich Merz meldete sich in der vergangenen Woche öffentlich zu Wort. Hellmeyers Einschätzung fällt nüchtern aus: Die Handlungsfähigkeit der Bundesregierung, notwendige Strukturreformen zu implementieren, erscheint in der aktuellen Konstellation als gering – und das in einer Phase, in der Deutschland gleichzeitig eine strukturelle als auch eine konjunkturelle Krise bewältigen muss.

Verschärfend kommt hinzu, dass die USA die Zölle auf Pkw und Lkw von 15 auf 25 Prozent angehoben haben. Der Präsident des ifo-Instituts Clemens Fuest warnt nun vor einer drohenden Rezession in Deutschland, sollte die Europäische Union mit Gegenmaßnahmen reagieren. Hellmeyer sieht darin nur ein weiteres Symptom eines tieferliegenden Problems: nicht konkurrenzfähige Energiepreise, die den Industriestandort Deutschland gegenüber den USA nachhaltig schwächen.

Energie als Standortproblem Nummer 1

Hellmeyer macht deutlich: Solange Deutschland und weite Teile Europas strukturell höhere Energiepreise als die USA akzeptieren, verlieren sie täglich an Substanz, Zukunftsfähigkeit und Wohlstand. Er fordert eine Rückkehr zu pragmatischer, interessenorientierter Politik und eine Abkehr von den ideologisch geprägten Narrativen der vergangenen 15 Jahre. Das Vertrauen der Unternehmen in die Wirtschaftspolitik ist auf dem niedrigsten Stand seit 1949 – dieser Vertrauensverlust übersetzt sich unmittelbar in Investitionszurückhaltung.
EZB-Zinsdebatte: Droht doppeltes Bremsen?

Joachim Nagel, Präsident der Deutschen Bundesbank, hat das Thema Zinserhöhungen für die nächste EZB-Ratssitzung ins Gespräch gebracht. Hintergrund sind die gestiegenen Verbraucherpreise: In Deutschland lagen sie zuletzt bei 2,9 Prozent, für die Eurozone wurden 3,0 Prozent als Erstschätzung gemeldet – nach zuvor 2,6 Prozent.

Hellmeyer mahnt zur Besonnenheit: Die aktuellen Inflationstreiber seien weitgehend exogener Natur – also externe Schocks, die ihrerseits bereits konjunkturbremsend wirken. Eine Zinserhöhung würde diese Bremswirkung verstärken und das ohnehin schwache Konjunkturbild in Europa weiter eintrüben. Der EZB-Rat solle daher sorgfältig abwägen, bevor vorschnelle Entscheidungen getroffen werden.

Rückblick: Wichtige Zahlen der Vorwoche

Der Offenmarktausschuss der Fed ließ die Zinsen erwartungsgemäß unverändert. 2 Zinssenkungen in der zweiten Jahreshälfte ab September gelten weiterhin als wahrscheinlich. Die USA bestätigten ihre Rolle als Wachstumslokomotive im Westen: Das annualisierte Bruttoinlandsprodukt im 1. Quartal lag bei 2 Prozent.

Die EZB hielt ebenfalls die Zinsen stabil: Einlagezins 2 Prozent, Refinanzierungszins 2,15 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt der Eurozone enttäuschte mit plus 0,1 Prozent im Quartal statt der erwarteten plus 0,2 Prozent. Der Economic-Sentiment-Index fiel auf 93,0 Punkte – tiefstes Niveau seit Oktober 2022.

Deutschland meldete ein Quartalswachstum von plus 0,3 Prozent, blieb damit aber unter dem Eurozonendurchschnitt. Die Arbeitslosenrate stieg auf 6,4 Prozent – höchster Stand seit August 2020. Der ifo-Geschäftsklimaindex sank auf 84,0 nach zuvor 86,3 – Tiefstwert seit September 2022. In China zeigte der Caixin-Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe mit 52,2 Punkten ein robustes Bild.

Börsenlage: Resiliente Märkte trotz Gegenwind

Die Aktienmärkte zeigten sich zum Wochenauftakt erfreulich stabil. Neue Rekorde bei S&P 500, Nasdaq und dem südkoreanischen KOSPI unterstreichen eine bemerkenswerte Widerstandskraft trotz geopolitischer Risiken und unsicherer Zinsperspektiven. Hellmeyer erklärt diese Resilienz mit 2 Faktoren: guten Quartalsergebnissen vieler Unternehmen sowie dem impliziten Inflationsschutz durch Unternehmen mit Preissetzungsmacht – das nominale Wachstum liegt in diesem Jahr bei rund 7,5 Prozent.

Mit Sorge blickt Hellmeyer auf die Rentenmärkte: Die Renditen befinden sich auf sehr hohen Niveaus. Eine mögliche Refinanzierungskrise in Frankreich stuft er als virulenter ein als seinerzeit die Griechenland-Krise – auch wenn dieses Risiko bislang weder an den Märkten noch in der öffentlichen Diskussion angemessen wahrgenommen wird.

Take-aways

Geopolitik

  • Iran-Konflikt: 14-Punkte-Plan in Diskussion, Lage zwischen Deeskalation und Eskalation
  • Ukraine-Krieg: Energieinfrastruktur beidseitig beschädigt, globaler Versorgungsdruck steigt

Deutschland und Europa

  • ifo-Institut warnt vor Rezession bei EU-Gegenzöllen auf Fahrzeugimporte
  • Vertrauen der Unternehmen in die Politik auf historischem Tiefstand seit 1949
  • ifo-Geschäftsklimaindex bei 84,0 – tiefstes Niveau seit September 2022
  • Arbeitslosenrate auf höchstem Stand seit August 2020

Märkte und Zinsen

  • Aktienmärkte zeigen starke Resilienz, neue Rekorde bei S&P 500 und Nasdaq
  • Fed und EZB halten Zinsen stabil, mögliche Zinssenkungen ab September in den USA
  • Hellmeyer warnt vor Frankreich-Refinanzierungsrisiko als unterschätztem Stressfeld

Hellmeyers Ausblick auf die Berichtswoche

Dienstag: US-Handelsbilanz für März – erwartet wird ein Defizit von 60,5 Milliarden US-Dollar nach zuvor 57,3 Milliarden US-Dollar. Überraschungen sind möglich. Außerdem erscheinen finale Einkaufsmanagerindizes für den US-Dienstleistungssektor.

Mittwoch: Finale Einkaufsmanagerindizes für Deutschland und die Eurozone – beide im kontraktiven Bereich. Dazu Erzeugerpreise der Eurozone für März: erwartet wird ein Anstieg auf plus 1,6 Prozent nach zuvor minus 3,0 Prozent – ein markanter Umschwung. ADP-Beschäftigungsbericht in den USA: plus 99.000 neue Jobs erwartet nach zuvor 62.000.

Donnerstag: Auftragseingang der deutschen Industrie für März – erwartet plus 1,0 Prozent im Monatsvergleich. Einzelhandelsumsätze der Eurozone: plus 0,9 Prozent im Jahresvergleich erwartet.

Freitag: Industrieproduktion Deutschland für März (erwartet plus 0,5 Prozent). Highlight der Woche: US-Non-Farm-Payrolls für April – erwartet werden plus 60.000 neue Stellen nach der positiven Überraschung im Vormonat mit 178.000. Die Arbeitslosenrate soll bei 4,3 Prozent verharren. Abschluss bildet das vorläufige Verbrauchervertrauen der Universität Michigan für Mai – erwartet 49,5 Punkte nach zuvor 49,8, ein historisch sehr schwacher Wert.

Hellmeyer der Woche KW19: Fazit für Anleger

Die Analyse von Hellmeyer der Woche KW 19 zeichnet ein Bild geteilter Welten: Während internationale Aktienmärkte mit bemerkenswerter Stärke auf ein mögliches Ende des Iran-Konflikts setzen, sendet der deutsche und europäische Datenkranz eindeutige Warnsignale. Strukturelle Wettbewerbsschwäche, eingeschränkte politische Handlungsfähigkeit und nicht konkurrenzfähige Energiepreise sind keine kurzfristigen Phänomene – sie erodieren die industrielle Substanz schleichend.

Für Anleger empfiehlt sich eine differenzierte Positionierung: Die Resilienz global agierender Unternehmen mit Preissetzungsmacht bietet Schutz in einem nominalen Inflationsumfeld. Gleichzeitig sollten die Risiken auf den Rentenmärkten – insbesondere mit Blick auf die Refinanzierungsfähigkeit hoch verschuldeter Eurostaaten – nicht unterschätzt werden. Die geopolitische Lage rund um den Iran bleibt der entscheidende Unsicherheitsfaktor der kommenden Wochen.

Der Wirtschaftsüberblick mit aktueller Einschätzung kurz und prägnant – nur hier beim Hellmeyer der Woche.

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Disclaimer:
Dieser Artikel basiert ausschließlich auf dem Transkript der Sendung Hellmeyer der Woche, Kalenderwoche 18. Die Inhalte dienen der journalistischen Information und stellen keine Anlageberatung dar.

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