Während MSCI World, Nasdaq und S&P 500 neue Allzeithöchststände markieren, verharren die europäischen Leitindizes im Hintertreffen. Der Iran-Konflikt bleibt das drängendste geopolitische Risiko. Im Inland gibt das ifo-Institut alarmierende Signale: Ein erheblicher Anteil der deutschen Unternehmen bangt um die eigene Existenz. Wichtige Termine der laufenden Woche für Anleger und Märkte sind unter anderem die US-Verbraucherpreise am Dienstag, die ZEW-Konjunkturerwartungen für Deutschland sowie die Industriedaten für die Eurozone und die USA.
Globale Aktienmärkte: Rekorde trotz Krisenlage
Die internationalen Börsen zeigen sich zum Wochenauftakt in bemerkenswerter Verfassung. MSCI World, Nasdaq, S&P 500 und der südkoreanische KOSPI haben in der abgelaufenen Woche neue Bestmarken erreicht. Folker Hellmeyer wertet diese Bewegung als Ausdruck eines doppelten Optimismus: Die starken Unternehmensergebnisse liefern die fundamentale Grundlage, während die Hoffnung auf eine geopolitische Entspannung die Risikobereitschaft der Anleger stützt.
Europäische Leitindizes blieben dagegen ohne vergleichbare Impulse. Hellmeyer sieht darin weniger eine faktische Schwäche der betroffenen Konzerne – viele von ihnen sind global gut aufgestellt – als eine psychologische Belastung durch die strukturelle Wirtschaftspolitik des Kontinents. Die Divergenz zwischen globaler Marktdynamik und europäischer Indexperformance spricht nach seiner Einschätzung eine deutliche Sprache.
Geopolitische Lage: Ukraine und Iran im Fokus der Analyse
Im Ukraine-Konflikt zeichnen sich nach langer Stagnation vorsichtige Bewegungen ab. Putin signalisiere laut Hellmeyer eine erhöhte Gesprächsbereitschaft. Ausschlaggebend dafür seien massive Erschöpfungserscheinungen auf beiden Seiten des Konflikts. Hinzu kommt ein struktureller Faktor auf US-Seite: Der amerikanische Senator Kelly verwies öffentlich darauf, dass die Waffenarsenale der Vereinigten Staaten auf einem kritisch niedrigen Niveau angekommen sind – was die Fähigkeit zur dauerhaften Unterstützung einschränkt.
Beim Iran-Konflikt war zum Ende der Vorwoche noch Optimismus angebracht – Berichte deuteten auf eine mögliche Akzeptanz des vorliegenden Friedensplans hin. US-Präsident Trump wertete diesen Plan am Sonntagabend jedoch als nicht akzeptabel und verhinderte damit eine schnelle Einigung. Der internationale Druck auf Washington wächst laut Hellmeyer, denn der Iran-Konflikt entfaltet eine globale wirtschaftliche Sprengkraft, die weit über jene des Ukraine-Kriegs hinausgeht.
Die Folgewirkungen reichen von Engpässen bei Stickstoffdünger (Urea) für die Welternährung über Helium für die Halbleiterproduktion bis hin zu Öl- und LNG-Versorgungsengpässen. Die saudi-arabische Ölgesellschaft Aramco beziffert das aktuelle globale Defizit auf rund eine Milliarde Barrel Öl. Der CIA schätzt unterdessen, dass der Iran die bestehende Blockadepolitik noch etwa vier weitere Monate durchhalten kann.
Rückblick: Datenlage der vergangenen Woche
Weltwirtschaft zeigt Stärke – Deutschland fällt zurück
Der von JP Morgan berechnete globale Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe stieg im April auf 52,6 Punkte – nach 51,3 im Vormonat und damit auf den höchsten Wert seit Mai 2023. Über der Marke von 50 Punkten signalisiert der Index Wachstum. Das illustriert eindrücklich, dass die Weltwirtschaft trotz aller Krisen funktioniert.
Deutschland steht dem gegenüber wie ein Fremdkörper. Das ifo-Institut meldet, dass jedes zwölfte Unternehmen im Land die eigene Existenz gefährdet sieht. Die Industrieproduktion ist im Jahresvergleich um 3 Prozent eingebrochen. Der Einkaufsmanagerindex für die Gesamtwirtschaft liegt bei 48,3 Punkten – klar im kontraktiven Bereich. Der Bausektor weist mit einem PMI von 42,1 Punkten bittere Schrumpfungstendenzen auf, auch Frankreich schneidet mit 38,1 Punkten kaum besser ab.
USA: Robuster Arbeitsmarkt, gespaltenes Konsumklima
In den Vereinigten Staaten fiel der Auftragseingang im letzten Berichtsmonat um 1,5 Prozent stärker aus als erwartet. Der Gesamtwirtschafts-PMI notiert mit 51,7 deutlich im Wachstumsbereich. Besonders auffällig: Die Beschäftigtenzahlen außerhalb der Landwirtschaft übertrafen die Erwartungen mit 115.000 neu geschaffenen Stellen deutlich – fast doppelt so viele wie prognostiziert. Das Verbrauchervertrauen nach dem Michigan-Index erreichte allerdings einen historischen Tiefpunkt. Das Pendant des Conference Board zeigt dagegen mit 92,8 Punkten den höchsten Stand seit Oktober 2025. Hellmeyer verweist auf die politische Färbung beider Indizes und verortet die Wahrheit irgendwo dazwischen.
Eurozone und China im Vergleich
In der Eurozone liegt der Gesamtwirtschafts-PMI bei 48,8 Punkten, der Bausektor kollabiert auf 41,7 Punkte. Die Erzeugerpreise zogen kräftig an – von minus 3 Prozent auf plus 2,1 Prozent im Jahresvergleich –, ein Vorlaufindikator, der sich mit Verzögerung in den Verbraucherpreisen niederschlagen wird.
China sendet dagegen vergleichsweise starke Signale. Die Handelsbilanz weist einen Überschuss von 84,8 Milliarden US-Dollar aus – nach zuvor 51,1 Milliarden. Exporte legten um gut 14 Prozent zu, Importe sogar um mehr als 25 Prozent. Steigende Importe und Exporte gleichzeitig signalisieren eine erhöhte wirtschaftliche Aktivität insgesamt. Die Wirtschaftsleistung Chinas wächst mit rund 4,5 Prozent solide.
Reformdebatte in Deutschland
Die Reformdiskussion in Deutschland nimmt aus Hellmeyers Sicht die falsche Richtung. Statt Leistungsanreize zu setzen, würden Leistungsträger zusätzlich belastet. Der Handwerkspräsident habe sich explizit gegen Pläne ausgesprochen, die viele Handwerksbetriebe – die Einkommensteuer zahlen, keine Unternehmenssteuer – überproportional treffen würden. Hellmeyer mahnt eine grundsätzliche Neuausrichtung an: Das Leistungsprinzip müsse wieder zur tragenden Säule der Wirtschaftspolitik werden. Die Energie-Wettbewerbsfähigkeit nennt er als entscheidenden Hebel für den industriellen Standort.
Kernaussagen der Woche im Überblick
Positive Faktoren:
- Neue Allzeithöchststände bei MSCI World, Nasdaq, S&P 500 und KOSPI
- Globaler Manufacturing-PMI auf höchstem Stand seit Mai 2023
- US-Arbeitsmarkt weit über Erwartung; US-Gesamtwirtschafts-PMI im Wachstumsbereich
- China: starkes Handelsbilanzplus, robuste Import- und Exportdynamik
- Gesprächssignale im Ukraine-Konflikt; wachsender internationaler Druck auf Einigung im Iran
Risikofaktoren:
- Trump lehnte Irans Friedensplan ab – Eskalationsrisiko bleibt hoch
- Globale Versorgungsrisiken: Öl, LNG, Dünger, Helium
- Jedes zwölfte deutsche Unternehmen in existenzieller Lage
- Eurozone- und Deutschland-PMI im kontraktiven Bereich
- Reformpolitik in Deutschland dreht falsche Stellschrauben
Hellmeyers Ausblick auf die Berichtswoche
Dienstag bringt die finale Berechnung der deutschen Verbraucherpreise für April – erwartet wird eine Bestätigung des Anstiegs auf 2,9 Prozent. Zudem veröffentlicht das ZEW-Institut seine monatlichen Konjunkturerwartungen: Die Prognosen rechnen mit einem weiteren Rückgang nach minus 17,2 im Vormonat.. Ebenfalls am Dienstag erscheinen die US-Verbraucherpreise (zuletzt 3,7 Prozent) – hier wird ein Anstieg erwartet. Solange der Iran-Konflikt zeitlich begrenzt bleibt, dürften diese Daten an den Märkten bereits eingepreist sein.
Mittwoch steht im Zeichen der zweiten BIP-Schätzung für die Eurozone (erwartet: plus 0,1 Prozent im Quartalsvergleich), der Industrieproduktion der Eurozone (plus 0,2 Prozent im Monatssvergleich erwartet) sowie der US-Erzeugerpreise, die mit einem Anstieg auf 4,9 Prozent nach zuvor 4,0 Prozent prognostiziert werden. Hellmeyer mahnt: Sollte der Iran-Konflikt länger andauern, werde sich dieser Druck durch alle Lieferketten fortpflanzen.
Donnerstag folgen die US-Einzelhandelsumsätze, für die ein Plus von 0,5 Prozent im Monatsvergleich erwartet wird – nach zuvor 1,7 Prozent. Ein erheblicher Teil des Anstiegs dürfte auf höhere Benzinpreise zurückzuführen sein, sodass die inflationsbereinigte Realentwicklung weniger überzeugend ausfallen dürfte.
Freitag schließt die Woche mit den US-Industrieproduktionszahlen ab, für die ein leichtes Plus von rund 0,3 Prozent im Monatsvergleich erwartet wird. Auch hier zeichnet sich ein klarer Vorsprung der USA gegenüber Deutschland ab.
Hellmeyer der Woche KW20: Relevanz für Anleger
Die Analyse von Hellmeyer der Woche KW20 zeigt eine Welt in 2 Geschwindigkeiten. Die globalen Märkte preisen Hoffnung ein – auf eine diplomatische Lösung im Nahen Osten und auf anhaltend starke Unternehmensergebnisse. Diese Hoffnung ist nicht unbegründet, aber sie ist fragil.
Für Anleger bedeutet das: Die rekordhohen Kurse in den USA und Asien reflektieren ein Szenario, das noch nicht eingetreten ist. Wer davon profitieren will, muss bereit sein, das Risiko einer Enttäuschung – insbesondere durch eine Verlängerung des Iran-Konflikts – zu tragen. Europäische und deutsche Werte bleiben strukturell unter Druck, solange die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen nicht grundlegend überarbeitet werden. Einigen wirtschaftspolitischen Daten der Woche kommt dabei erhöhte Aufmerksamkeit zu: US-Inflationsdaten und Erzeugerpreise könnten bei anhaltenden Versorgungsengpässen schneller zum Stressfaktor werden als von vielen Marktteilnehmern erwartet.
Der Wirtschaftsüberblick mit aktueller Einschätzung kurz und prägnant – nur hier beim Hellmeyer der Woche.
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Disclaimer:
Dieser Artikel basiert ausschließlich auf dem Transkript der Sendung Hellmeyer der Woche, Kalenderwoche 18. Die Inhalte dienen der journalistischen Information und stellen keine Anlageberatung dar.
Der Beitrag Aktienmärkte auf Rekordjagd – Deutschland im Abseits! Der Hellmeyer der Woche KW20 erschien zuerst auf ftd.de.