Amundi Welt-ETF: Neuer BIP-Ansatz bricht mit US-Tech-Dominanz

Die Gewichtung nach Bruttoinlandsprodukt (BIP) ordnet die Kräfteverhältnisse und Regionen im ETF-Portfolio völlig neu. (Bild: Magnific AI)

Wer einen Welt-ETF kauft, investiert längst nicht mehr in die Welt. Sondern vor allem in Amerika. Und noch genauer: in eine Handvoll Tech-Giganten aus dem Silicon Valley. Nvidia, Apple, Microsoft, Amazon und Alphabet dominieren inzwischen die vermeintlich breit gestreuten Weltindizes. Die meisten Anleger nehmen das hin – schließlich hat genau diese Konzentration in den vergangenen Jahren für traumhafte Renditen gesorgt. Doch was, wenn genau diese Erfolgsgeschichte zum Problem geworden ist?

Amundi liefert darauf nun eine bemerkenswerte Antwort. Der französische Vermögensverwalter bringt mit dem Amundi FTSE All World GDP-Weighted UCITS ETF (ISIN: IE000KCKFHE8) einen Welt-ETF auf den Markt, der mit einer der heiligsten Regeln des passiven Investierens bricht: Er gewichtet Länder nicht nach Börsenwert, sondern nach ihrer Wirtschaftsleistung. Es ist eine stille Revolution. Und eine Kampfansage an die amerikanische Tech-Dominanz.

Die große Illusion der Welt-ETFs

Viele Anleger glauben, sie seien mit einem FTSE All-World oder MSCI World weltweit diversifiziert. Tatsächlich kaufen sie aber vor allem die Vergangenheit. Denn klassische Indizes gewichten nach Marktkapitalisierung. Je höher die Börsenbewertung eines Unternehmens steigt, desto größer wird automatisch sein Anteil im Index.

Das Ergebnis ist inzwischen extrem. Im FTSE All-World-Index entfallen fast 60 Prozent auf die USA. Nvidia allein bringt es auf mehr Gewicht als die gesamte Börse zahlreicher Industrienationen.

Die größten Positionen lesen sich wie die Gästeliste einer Silicon-Valley-Konferenz:

  • Nvidia: 4,44 Prozent
  • Apple: 3,98 Prozent
  • Microsoft: 2,99 Prozent
  • Amazon: 2,17 Prozent
  • Alphabet: 1,82 Prozent

Die Kehrseite: Wer einen Welt-ETF kauft, wettet heute stärker denn je auf die Fortsetzung des amerikanischen Ausnahmezustands.

Amundi dreht die Weltkarte um

Der neue ETF stellt eine provokante Frage: Warum sollten Börsenbewertungen wichtiger sein als die tatsächliche Wirtschaftskraft eines Landes? Deshalb orientiert sich die Ländergewichtung am Bruttoinlandsprodukt. Die Folge ist ein völlig anderes Bild der Weltwirtschaft.

Die größten Länder im klassischen FTSE All-World:

  • USA: 57,47 Prozent
  • Japan: 5,76 Prozent
  • Großbritannien: 3,02 Prozent
  • China: 2,92 Prozent
  • Kanada: 2,78 Prozent

Die größten Länder im neuen BIP-ETF:

  • USA: 30,60 Prozent
  • China: 17,52 Prozent
  • Deutschland: 4,51 Prozent
  • Japan: 4,18 Prozent
  • Indien: 3,65 Prozent

Plötzlich verliert Amerika seine erdrückende Dominanz. China wird zur zweiten Supermacht im Depot. Indien rückt deutlich nach vorne. Und Deutschland gewinnt an Bedeutung. Schwellenländer werden nicht mehr als exotische Beimischung behandelt, sondern als das, was sie inzwischen sind: zentrale Wachstumsmotoren der Weltwirtschaft.

Weniger Tech, weniger Klumpen

Noch deutlicher wird der Unterschied bei den Einzelwerten. Im klassischen FTSE All-World bestimmen die bekannten US-Techriesen das Geschehen. Im BIP-ETF schrumpfen ihre Gewichte deutlich.

Top-Positionen im FTSE All-World-Index:

  • Nvidia: 4,44 Prozent
  • Apple: 3,98 Prozent
  • Microsoft: 2,99 Prozent
  • Amazon: 2,17 Prozent
  • Alphabet: 1,82 Prozent

Top-Positionen im Amundi-BIP-ETF:

  • Nvidia: 2,31 Prozent
  • Tencent: 2,15 Prozent
  • Apple: 2,13 Prozent
  • Alibaba: 1,68 Prozent
  • Microsoft: 1,49 Prozent

Die Konzentration sinkt deutlich. Wer glaubt, dass die „Magnificent Seven“ inzwischen zu viel Macht über die globalen Aktienmärkte besitzen, dürfte genau hier aufhorchen.

Die Vorteile: Weltwirtschaft statt Börsenlieblinge

Der neue Ansatz hat durchaus Charme. Erstens reduziert er das Klumpenrisiko. Die Abhängigkeit von wenigen US-Techwerten nimmt spürbar ab. Zweitens bildet er die reale Wirtschaft besser ab. Während China rund ein Viertel der weltweiten Wirtschaftsleistung stellt, spielt das Land in klassischen Weltindizes bislang nur eine Nebenrolle.

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Drittens profitieren Anleger stärker vom langfristigen Aufstieg der Schwellenländer. Indien, Brasilien oder die Türkei erhalten endlich ein Gewicht, das ihrer ökonomischen Bedeutung näherkommt. Und viertens zwingt der Ansatz zu antizyklischem Verhalten: Was an den Börsen heiß gelaufen ist, wird automatisch zurückgestutzt.

Die Nachteile: Der Markt hat nicht immer unrecht

Doch die Idee hat auch ihre Schattenseiten. Das größte Problem ist offensichtlich: Die USA sind an der Börse nicht zufällig so dominant. Amerikanische Unternehmen sind profitabler, innovativer und international erfolgreicher als viele ihrer ausländischen Konkurrenten. Die hohen Bewertungen spiegeln eben auch die wirtschaftliche Realität wider.

China wiederum mag wirtschaftlich gewaltig sein – doch politische Eingriffe, schwache Aktionärsrechte und staatlicher Einfluss schrecken Investoren regelmäßig ab. Ein zweiter Nachteil: Der ETF hätte in den vergangenen Jahren schlechter abgeschnitten als klassische Weltindizes. Während die US-Techrally den FTSE All-World und den MSCI World von Rekord zu Rekord trug, hätte der BIP-Ansatz deutlich gebremst. Anleger kaufen sich also Diversifikation möglicherweise zum Preis niedrigerer Renditen. Zumindest dann, wenn die amerikanische Sonderstellung anhält.

Die eigentliche Wette des Amundi All World GDP-Weighted

Am Ende ist dieser ETF weniger passiv, als sein Etikett vermuten lässt. Denn er trifft eine aktive Entscheidung: Dass die heutige Dominanz der USA nicht für die Ewigkeit gilt. Dass die wirtschaftliche Macht der Schwellenländer irgendwann auch an den Börsen ankommen wird. Und dass die größten Gewinner der Vergangenheit nicht automatisch die größten Gewinner der Zukunft sein müssen. Genau darin liegt seine Faszination.

Fazit: Ein Welt-ETF für Skeptiker des amerikanischen Jahrhunderts

Der neue Amundi FTSE All World GDP-Weighted ETF ist kein besserer FTSE All-World. Er ist dessen Gegenentwurf. Wer davon überzeugt ist, dass Nvidia, Apple & Co. die Welt noch viele Jahre dominieren werden, fährt mit klassischen Welt-ETFs vermutlich besser. Wer jedoch befürchtet, dass die USA und ihre Techgiganten inzwischen zu groß geworden sind, findet hier eine spannende Alternative.

Vielleicht ist dieser ETF deshalb vor allem eines: ein Misstrauensvotum gegen die teuerste und erfolgreichste Börsenwette unserer Zeit. Und deshalb dürfte er sicherlich eine der interessantesten ETF-Neuheiten des Jahres sein.

 

Disclaimer:
Keine Anlageberatung. Kein Aufruf zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren.

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