Eine unerwartete ETF-Auflösung kann den Steuerstundungseffekt im Portfolio stören und Rendite kosten. (Foto: Magnific.com, cookie_studio)
Seit mehr als einem Vierteljahrhundert haben Investoren mittlerweile die Chance, von den Vorteilen eines ETFs zu profitieren. Gerade in den vergangenen Jahren stieg ihre Popularität nochmals stark an. Logisch, dass dieser zunehmenden Nachfrage mit einem erhöhten Angebot begegnet wird. Immer mehr ETFs stehen zur Auswahl, von denen allerdings gelegentlich auch welche wieder verschwinden.
Eine solche Schließung von ETFs ist für die Investoren im ersten Moment unangenehm, planten viele doch damit, ihr Geld möglicherweise über mehrere Dekaden in diesem Produkt anzulegen. Obwohl die mit dem Verschwinden verbundenen Nachteile bei genauerem Hinsehen überschaubar bleiben, können die Anleger manchmal dennoch schlechter gestellt werden.
ETF-Auflösung: Warum Fonds vom Markt verschwinden
Auch wenn die Schließung von ETFs im Regelfall nicht im Zentrum des Anlegerinteresses steht, so ist dieser Prozess tatsächlich gar nicht einmal so ungewöhnlich. 2025 etwa kam es allein in den USA zur Auflösung von rund 230 ETFs, 146 davon aktiv, 86 passiv. Doch was sind die Gründe für einen solchen Schritt?
Meist entschließt sich der Anbieter zu einer Schließung, weil das jeweilige Produkt unterhalb seiner Erwartungen bleibt, also beispielsweise nicht das angestrebte Volumen erreicht und die Betriebskosten in der Folge höher ausfallen als ursprünglich geplant. Kurz gesagt – der ETF ist nicht wirtschaftlich genug für die Gesellschaft.
Ab und an können zudem regulatorische Neuerungen eine Rolle spielen. Beschließt zum Beispiel eine Aufsichtsbehörde, dass gewisse ETFs in einer bestimmten Region nicht länger vertrieben werden dürfen, bleibt dem Anbieter nichts anderes übrig, als das entsprechende Produkt vom Markt abzuziehen.
Ablauf einer ETF-Liquidation: Was mit Ihrem Kapital geschieht
Sollte es tatsächlich so weit sein, dass sich die Auflösung des ETFs nicht mehr vermeiden lässt, geraten einige Anleger schnell in Unruhe. Ist ihr investiertes Kapital jetzt etwa verloren? Nein.
Glücklicherweise ist eine Schließung für den Investor oftmals nicht mit außergewöhnlich großen finanziellen Belastungen verbunden (Ausnahme: Die Liquidation geschieht zu einem Zeitpunkt, zu dem der ETF unter dem individuellen Kaufpreis notiert – dann erleidet der jeweilige Anleger gezwungenermaßen einen Verlust). Stattdessen ist der Prozess weitgehend standardisiert und läuft ungefähr wie folgt ab (grobe Darstellung):
- Mehrere Wochen vor der beabsichtigten Auflösung erhält der Anleger eine entsprechende (verpflichtende) Information, in der auch ein Stichtag festgesetzt wird, bis zu dem die Anteile am ETF spätestens an die Fondsgesellschaft veräußert werden können.
- Direkt nach Ablauf der Frist besteht im Regelfall keine Möglichkeit mehr, den ETF über die Börse zu handeln.
- Im nächsten Schritt erfolgt schließlich die Liquidation des Fondsvermögens, es werden also sämtliche Vermögenswerte verkauft und an die Anteilseigner ausgeschüttet.
- Diese können nun selbst über die frei gewordenen Mittel entscheiden.
Steuerliche Konsequenzen der ETF-Schließung
Da die reine Liquidation eines ETFs vom Gesetzgeber wie ein Verkauf gehandhabt wird, fallen im Fall eines aufgelaufenen Gewinns Kapitalertragsteuern plus Soli (und manchmal zusätzlich noch die Kirchensteuer) an. Zwar ließen sich diese auch dann nicht verhindern, wenn der ETF zu einem späteren Zeitpunkt freiwillig (mit Gewinn) verkauft worden wäre (und Freibeträge bereits ausgenutzt oder keine Verlustverrechnungstöpfe vorhanden wären).
Aber: Die ungeplante Steuerbelastung entzieht dem Portfolio jetzt Geld, sodass daraufhin ein geringerer Kapitalstock zur Verfügung steht, auf den im Laufe der Zeit Zinsen und Zinseszinses gezahlt werden könnten. Anders ausgedrückt: Der sogenannte Steuerstundungseffekt wird geschmälert.
Kurzer Exkurs: Im Vorteil sind diejenigen, die ihren ETF bereits vor dem Jahr 2009 angeschafft haben. Sie sind damit im Besitz sogenannter Altbestände und profitieren von der Regelung, dass auf Gewinne vor 2018 keine Steuer anfällt und für Erträge ab 2018 ein Steuerfreibetrag von 100.000 Euro gilt. Für die meisten Privatanleger läuft das auf Steuerfreiheit hinaus.
Tracking Difference und Volumen: So erkennen Sie Warnzeichen
Natürlich ist es ärgerlich, wenn ein ETF aufgelöst wird. Wirklich überraschend kommt ein solcher Schritt häufig aber nicht. Stattdessen gibt es einige Warnzeichen, die frühzeitig auf eine Schließung hindeuten können und den Anlegern damit genügend Zeit geben, entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten. Diese Warnzeichen sind:
- Geringes Volumen: Ist ein ETF zu klein, so ist es schwierig, diesen effizient zu betreiben. Die eingenommenen Gebühren reichen dann kaum aus, um die laufenden Kosten nachhaltig zu decken. Entsprechend ist es nachvollziehbar, wenn sich der Anbieter früher oder später für eine Liquidation entscheidet. Als Faustregel gilt, dass sicherheitsorientierte Anleger auf ein Volumen von mindestens 100 Millionen Euro achten sollten.
- Zeit am Markt: Jeder ETF benötigt eine gewisse „Anlaufphase“, damit er sich etablieren kann. Meist sind das rund 2 bis 3 Jahre. Schafft es das Produkt allerdings nicht, nach dieser Spanne auf eine gewisse Größe zu kommen, kann es passieren, dass der Anbieter die Reißleine zieht. Achtung also, wenn ein ETF nach vielen Jahren noch sehr klein ist.
- Schwache Qualität: Häufig übersehen, aber nicht minder wichtig ist die Tracking Difference, also die Genauigkeit, mit der ein ETF seinen jeweiligen Index nachbildet. Institutionelle Anleger präferieren normalerweise Produkte mit niedriger Tracking Difference, zahlen demnach vornehmlich Geld in diese Fonds, wodurch deren Volumen ansteigt. Aufpassen sollten Investoren umgekehrt dann, wenn die Tracking Difference hoch ist.
Fazit: Keine Panik bei ETF-Schließungen
Dass ein ETF aufgelöst wird, passiert häufiger als vielfach angenommen. Ein Grund, überhastet zu handeln, ist das normalerweise nicht. Dennoch können Anleger dadurch gelegentlich schlechter gestellt werden, indem sie beispielsweise zur Realisierung von Verlusten oder zur (vorzeitigen) Steuerzahlung auf Gewinne gezwungen werden. Deshalb macht es Sinn, sich bereits vor einem Investment damit zu beschäftigen, wie wahrscheinlich eine Liquidation ist.
Disclaimer:
Keine Anlageberatung. Kein Aufruf zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren.
Der Beitrag ETF-Schließung: Was Anleger bei einer Fonds-Liquidation wissen müssen erschien zuerst auf ftd.de.