Intuitive Surgical Aktie: Wenn die Realität die Bewertung einholt

Das da-Vinci-System sichert Intuitive Surgical durch hohes Prozedurwachstum einen wiederkehrenden Umsatzanteil von rund 85 Prozent. (Foto: Intuitive.com)

Intuitive Surgical (ISRG) ist für viele Anleger der Inbegriff einer Burggrabenaktie mit Wachstumscharakter. ISRG war stets eine der teuersten Aktien im Gesundheitssektor. Das Premium wurde durch ein kaum angreifbares Geschäftsmodell in der Chirurgierobotik begründet. Doch hohe Bewertungen bieten auch eine hohe Fallhöhe. Nach den Zahlen zum 2. Quartal verlor die Aktie an nur einem Handelstag rund 14 Prozent und notiert inzwischen rund 40 Prozent unter ihrem Allzeithoch. Die Ergebnisse waren solide, doch die Anleger sind nicht mehr bereit, für ein nachlassendes Wachstum und Unsicherheiten die hohen Bewertungsmultiplikatoren der Vergangenheit zu bezahlen.

Ein Geschäftsmodell mit besonderem Burggraben

Das US-amerikanische Unternehmen ISRG dominiert mit rund 80 Prozent den globalen Markt der ferngesteuerten OP-Roboter, für die Chirurgen eine besonders intensive Schulung benötigen. Weltweit sind knapp 13.000 Systeme installiert, die einen Netzwerkeffekt aus geschulten Chirurgen, klinischen Daten und hohen Wechselkosten für Krankenhäuser erzeugen. Daraus ist über 2 Jahrzehnte eine Wachstumsstory mit zweistelligen Wachstumsraten bei Umsatz und Gewinn entstanden.

Das Geschäftsmodell folgt der Rasierer-Klingen-Logik: Jedes verkaufte da-Vinci-System bindet die Kliniken über Jahre an Instrumente, Wartung und Schulungen. Das führt dazu, dass rund 85 Prozent der Umsätze wiederkehrender Natur sind. Im Jahr 2025 wurden bereits über 3,1 Millionen Operationen mit da-Vinci-Systemen durchgeführt.

Extended Use Programm für da-Vinci-Instrumente ausgeweitet

Ab 2027 plant Intuitive Surgical im Rahmen des sogenannten „Extended Use Programms“ die zulässige Anzahl der Eingriffe für die da-Vinci-5-Instrumente zu erhöhen, um Kliniken dabei zu unterstützen, die Kosten pro Eingriff zu senken. Bereits 2020 führte ISRG ein erstes Extended Use Programm für da-Vinci-X/Xi-Instrumente ein. Damals konnten bereits die Kosten für Krankenhäuser um ein Zehntel gesenkt werden, während kurzfristig die Verkäufe der da-Vinci-Systeme zurückgingen. Auch diesmal besteht die Sorge, dass hochprofitable Instrumentenumsätze verloren gehen und Margen unter Druck geraten.

Langfristig betrachtet profitiert ISRG jedoch von diesen Maßnahmen. Mit reduzierten Kosten je Eingriff steigt die Zufriedenheit der Kliniken und ISRG kann die Marktführerschaft verteidigen und nebenbei das Ökosystem stärken. Je mehr Systeme installiert werden, desto stärker wird das Netzwerk aus Anwendern und Daten.

Solide Quartalszahlen, aber harter Abverkauf

Im 2. Quartal 2026 stieg der Umsatz um 19 Prozent auf 2,89 Milliarden Dollar. Der bereinigte Gewinn je Aktie kletterte um 28 Prozent auf 2,80 Dollar und übertraf die Erwartungen um 12 Prozent. Die Bruttomarge weitete sich auf 70 Prozent aus, die operative Marge auf 42,1 Prozent. Trotzdem brach die Aktie ein, weil das weltweite Prozedurwachstum auf 16 Prozent nachließ und die US-da-Vinci-Operationen nur noch um 12 Prozent zulegen konnten.

Im Vorquartal lag das Wachstum noch bei 14 Prozent. Das Management führt den Rückgang auf auslaufende Gesundheitssubventionen im Rahmen des Affordable Care Act zurück – aber auch auf einen Rückgang der Eingriffe, die aus den Folgen von Übergewicht resultieren.

 


Wenn weniger Wachstum zu niedrigeren Multiplen führt

Noch im Frühjahr 2025 lag das Kurs-Gewinn-Verhältnis von ISRG bei rund 60, im April 2026 bei knapp 50. Anleger waren bereit, ein Vielfaches zu zahlen, das keine Abschwächung des Wachstums einpreiste. Mit einer Verlangsamung des Wachstums auf einen soliden mittleren Zehner-Bereich hat sich die Zahlungsbereitschaft des Marktes verändert. Aus dem Unternehmen mit einem 60er Kurs-Gewinn-Verhältnis wurde binnen weniger Monate ein Unternehmen mit einem KGV von 30. Der Markt billigt weiterhin einen Aufschlag gegenüber dem Sektormedian von 19,5, der nicht nur durch das Geschäftsmodell, sondern auch durch Wachstumserwartungen für 2026 bis 2028 von 12 bis 13 Prozent gestützt wird.

Der globale Wettbewerb bei OP-Robotern wird erstmals zum Thema

Die erneute Forcierung der längeren Nutzungsphase von da-Vinci-5 deutet auf eine strategische Maßnahme hin, die darauf abzielt, Marktanteile zu sichern, denn die Wettbewerbslandschaft ist dynamisch. Medtronic hat das Hugo-System, Johnson & Johnson das Ottava-System und zahlreiche chinesische Anbieter treten als Wettbewerber in den Markt ein, welche von der chinesischen Regierung subventioniert werden.

Smartbroker Dashboard / Quelle: Smartbroker Presse

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Stärkung des Ökosystems mit neuen Märkten

ISRG baut weiter an seinem Ökosystem, das Krankenhäusern den höchsten Nutzen und die höchste Produktivität bieten soll. Während der US-Markt mit da-Vinci stark durchdrungen ist (68 Prozent Umsatzanteil), besteht in Europa, Japan und Indien Aufholbedarf. China wird als Risikomarkt mit staatlichem Preisdruck bewertet. Um sich vertikal und horizontal zu erweitern, investiert ISRG massiv in das bestehende da-Vinci-5 System. Dazu zählen Force Feedback, um Gewebe bei Eingriffen auch fühlen zu können, KI-gestützte Analysen, Telepräsenz und neue Anwendungsfelder für die Herzchirurgie und Gastroenterologie.

Die SP-Plattform ermöglicht Eingriffe über einen einzigen Zugang (Single Port). Meist wird sie bei urologischen und gynäkologischen Eingriffen angewendet. Abseits der da-Vinci-Plattform stellt Ion das robotergestützte System zur Lungenbiopsie und Lungenkrebsdiagnostik dar. Es navigiert über Atemwege zu kleinen Lungenknoten, um Gewebsproben entnehmen zu können.

Intuitive Surgical Aktie: Eine Frage der Qualitätsprämie

ISRG baut an seinem Ökosystem und beweist mit einer lupenreinen Bilanz und stetigen Wachstumszahlen, dass es einen Bewertungsaufschlag verdient. Die Aktie eignet sich für Anleger mit langem Atem, denn der Markt ist sich über das Premium uneins. Ein wesentlicher Bewertungsaufschlag wurde zwar abgebaut, doch wer auf eine schnelle Kurserholung spekuliert, könnte enttäuscht werden, wenn Unsicherheiten zu China und Extended Use Programm bestehen bleiben. Für Value-Anleger ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis von 30 weiterhin zu ambitioniert. Der Aktienmarkt bietet hohe Qualität zu niedrigeren Multiplen.

 

Keine Anlageberatung. Kein Aufruf zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren.

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