Während die US-Börsen heißlaufen, bieten Märkte in Europa und Lateinamerika 2026 attraktive Einstiegschancen für Anleger. (KI-Bild: Magnific.com)
Die Wall Street ist teuer wie selten zuvor. Während Anleger für US-Tech-Aktien Mondpreise bezahlen, gibt es andernorts noch Börsen mit Bewertungsrabatt. Großbritannien, Deutschland, die Emerging Markets und insbesondere Lateinamerika bieten Chancen für Investoren, die nicht jedem Börsenhype hinterherlaufen. wir stellen 5 Fonds für die Suche nach dem nächsten Bewertungsaufsteiger vor.
Es gibt einen einfachen Trick, um an der Börse Geld zu verlieren: zu viel bezahlen. Nur weil Nvidia, Microsoft & Co. fantastische Unternehmen sind, muss ihre Aktie deshalb kein fantastisches Investment sein. Entscheidend ist nicht nur, was ein Unternehmen verdient, sondern auch, was Anleger dafür bezahlen.
Aktuell wird diese Frage besonders greifbar. Denn die Aktienmärkte sind so weit auseinanderbewertet wie seit Langem nicht mehr: Auf der einen Seite die USA – hochprofitabel, technologisch führend, mit Unternehmen, die bei künstlicher Intelligenz zu den großen Gewinnern gehören könnten. Auf der anderen Seite Märkte wie Großbritannien, Deutschland, China oder Lateinamerika, die teils mit erheblichen Abschlägen gehandelt werden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wo liegen im Schatten der USA die Börsen, bei denen Anleger heute noch mit einen vernünftigen Preis für künftiges Gewinnwachstum entlohnt werden?
Die Wall Street: Luxuspreise für Wachstumsfantasie
Die USA dominieren die globalen Aktienmärkte – und inzwischen auch deren Bewertungen. Das Shiller-CAPE, dass die inflationsbereinigten Gewinne der vergangenen 10 Jahre betrachtet, liegt für den S&P 500 bei rund 40. Historisch eine extreme Zone; einzelne Technologie- und KI-Segmente sind noch teurer.
Das ist kein Grund, die USA aus dem Depot zu werfen. Microsoft, Nvidia oder Alphabet sind keine Luftnummern, sie verdienen Milliarden und wachsen kräftig. Das Problem liegt weniger bei den Unternehmen als bei den Erwartungen, die bereits im Kurs stecken: Wer ein KGV von 30, 40 oder mehr bezahlt, braucht kräftiges Gewinnwachstum, damit die Rechnung aufgeht. Bleiben die Gewinne zurück oder sinken die Multiplikatoren, kann selbst ein Gewinnzuwachs von 15 Prozent für eine enttäuschende Aktienrendite sorgen.
Hohe Bewertungen sind deshalb kein Verkaufssignal. Sie erhöhen aber die Fallhöhe.
Auch das CAPE ist dabei kein Orakel – es blickt zurück und bildet strukturelle Veränderungen wie durch KI nur verzögert ab. Sollte KI die Produktivität und Margen tatsächlich massiv steigern, könnten heutige Bewertungen teilweise gerechtfertigt sein. Nur muss dieses Wachstum erst kommen. Historisch war die Ausgangsbewertung jedenfalls ein wichtiger Faktor für die langfristige Rendite: Je höher der Einstiegspreis, desto mehr muss später bei den Gewinnen passieren. Bei niedrigen Bewertungen reicht dagegen schon eine moderate Verbesserung der Erwartungen für eine Neubewertung. Damit rücken die Börsen abseits der Wall Street in den Fokus.
Großbritannien: Schlussverkauf statt KI-Rausch
Der britische Aktienmarkt ist so etwas wie das Gegenmodell zur Wall Street. Der MSCI United Kingdom kommt auf ein Forward-KGV von rund 12,9, beim MSCI World sind es knapp 19 – selbst bereinigt um die Branchenstruktur bleibt ein deutlicher Abschlag.
Der Grund: London besitzt wenig von dem, was die Börse derzeit liebt – hoch bewertete Technologie- und KI-Aktien. Stattdessen dominieren Banken, Energie, Bergbau, Pharma und Konsumgüter: weniger glamourös, dafür mit hohen Cashflows und stattlichen Dividenden. Was an der Wall Street langweilig aussieht, wird in London zum Bewertungsargument.
Auch Private-Equity-Gesellschaften und internationale Konzerne interessieren sich wieder stärker für britische Unternehmen. Die Übernahmewelle rund um Namen wie Schroders, Intertek oder Tate & Lyle ist ein bemerkenswertes Signal: Wenn Finanzinvestoren bereit sind, mehr zu bezahlen als der Aktienmarkt, könnte an der Börse etwas schiefliegen. Die Wette gilt also weniger dem nächsten Hype als einer Rückkehr der Bewertung.
Fonds-Tipp: JOHCM UK Dynamic Fund
Wer nicht einfach den FTSE 100 kaufen möchte, findet im JOHCM UK Dynamic Fund (ISIN: IE000UUSWK64) eine konzentriertere Alternative. Das Management um Mark Costar und Vishal Bhatia sucht Unternehmen, deren Börsenwert nicht zum Ertragspotenzial passt – entscheidend sind solide Cashflows, eine vernünftige Bewertung und ein möglicher Auslöser für die Neubewertung: eine operative Verbesserung, ein neuer Vorstand, eine Restrukturierung oder Übernahmefantasie.
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Das Portfolio umfasst typischerweise 25 bis 40 Aktien, darunter GSK, Shell, BP, BT Group, Rolls-Royce und Diageo – weniger eine Wette auf die britische Volkswirtschaft als auf britische Unternehmen, die der Markt zu niedrig bewertet.
Das Konzept hat zuletzt funktioniert: 2026 liegt der Fonds bislang rund 17 Prozent im Plus, über 3 Jahre summiert sich der Zuwachs auf rund 70 Prozent, bei einer mit knapp 9 Prozent vergleichsweise niedrigen Volatilität. Für Anleger heißt das: Nicht London muss zum neuen Börsenstar werden. Es reicht, wenn die Preise für einige gute britische Unternehmen wieder näher an ihren tatsächlichen Wert heranrücken.
Deutschland: günstig – und plötzlich wieder interessant
Auch Deutschland gehört zu den wenigen großen Aktienmärkten, die gemessen an langfristigen Bewertungskennzahlen nicht überzogen erscheinen – obwohl der DAX auf Rekordniveau notiert. Rekordkurse und hohe Bewertungen sind eben zwei verschiedene Dinge.
Viele deutsche Konzerne verdienen ihr Geld weltweit, doch der hiesige Aktienmarkt wird von Industrie, Versicherungen, Pharma und zyklischen Unternehmen geprägt – Branchen, die gegenüber US-Technologiewerten vergleichsweise günstig erscheinen. Das bleibt ein Nachteil, solange Anleger jeden Dollar KI-Gewinn höher bewerten als einen Euro Maschinenbau-Gewinn. Es kann aber zum Vorteil werden, sobald wieder Cashflow, Substanz, Dividende und ein vernünftiger Kaufpreis zählen.
Fonds-Tipp: Value-Holdings Deutschland Fund
Der Value-Holdings Deutschland Fund (ISIN: LI0013873901) geht diese Wette konsequent ein. Die Manager Georg Geiger und Alexander Dominicus sind klassische Stockpicker: Sie suchen Unternehmen mit attraktivem Geschäftsmodell, deren Kurs unter dem fairen Wert liegt – mit ausreichender „Margin of Safety“ als Sicherheitsabstand.
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Die Unternehmensgröße spielt keine Rolle: Im Fonds landen DAX-, MDAX- und SDAX-Werte ebenso wie kleinere Unternehmen außerhalb der großen Indizes. Das Ergebnis ist ein konzentriertes Portfolio von rund 24 Aktien. Die 10 größten Positionen haben entsprechend Gewicht: SAF-Holland (8,9 Prozent), Traton (7,1 Prozent) und Vossloh (6,0 Prozent), dazu Wacker Neuson, Drägerwerk, Ringmetall, Sixt, GFT Technologies, Hornbach und Jungheinrich – kein DAX im Kleinformat, sondern eine Sammlung von Value-Wetten auf unterschätzte deutsche Unternehmen.
Die Bilanz kann sich sehen lassen: über 3 Jahre legte der Fonds rund 40 Prozent zu, über 5 Jahre gut 28 Prozent, seit der Auflage 2002 summiert sich der Wertzuwachs auf mehr als 460 Prozent. 2025 kamen knapp 19 Prozent hinzu, 2026 bislang rund acht Prozent.
Der Haken liegt auf der Hand: Bei einem derart konzentrierten Portfolio können Fehlentscheidungen wehtun. Als Deutschland-Baustein ist der Fonds allerdings interessanter als die alleinige Aktienanlage.
Emerging Markets: Billig ist nicht gleich gut
Noch größer sind die Bewertungsunterschiede in den Schwellenländern. China ist nach der Erholung zwar nicht mehr das Schnäppchen früherer Jahre, doch viele chinesische Aktien sind historisch betrachtet weiterhin günstig – noch auffälliger sind Indonesien oder Teile Lateinamerikas.
Hier lauert allerdings die klassische Value-Falle: Ein niedriger Kurs allein macht noch kein gutes Investment. Politik, Währungen, Regulierung und schwache Corporate Governance können einen Markt jahrelang billig halten. Die bessere Frage lautet: Ist das Unternehmen billig – oder gibt es einen guten Grund dafür?
Fonds-Tipp: GAF Lingohr Emerging Markets Value
Der GAF Lingohr Emerging Markets Value (ISIN: LU0047906267) versucht genau diese Unterscheidung zu treffen. Der mehr als 30 Jahre alte Fonds verbindet den klassischen Value-Ansatz von Lingohr mit einem zunehmend datengetriebenen Investmentprozess unter Harald Sporleder, CIO und Geschäftsführer von Lingohr Asset Management. Moderne Datenanalyse und KI-Verfahren unterstützen die Vorauswahl, die endgültige Entscheidung bleibt beim Fondsmanagement.
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Das Portfolio umfasst rund 80 bis 120 Aktien, gestreut über China, Indien, Südkorea, Taiwan, Brasilien und weitere Schwellenländer. Value heißt dabei nicht, Technologie zu meiden: TSMC, Samsung, Tencent oder Alibaba können ebenso im Portfolio landen wie HDFC Bank oder Petrobras, sofern Bewertung und Ertragsperspektiven stimmen.
Die Strategie hat zuletzt Rückenwind bekommen: über ein Jahr liegt der Fonds rund 24 Prozent im Plus, über 3 Jahre sind es etwa 50 Prozent – bei einer Volatilität von rund 16 Prozent ist der Fonds jedoch kein defensiver Baustein.
Contrarian: Kaufen, wenn andere verkaufen
Weltweit und noch konsequenter geht der TT Contrarian Global (ISIN: DE000A3CRQ67) von Taunus Trust vor: Der gesamte Investmentprozess ist darauf ausgerichtet, Übertreibungen an den Märkten auszunutzen. Geprägt wurde der Fonds von Peter E. Huber, einem der bekanntesten Vertreter des antizyklischen Investierens in Deutschland. Seit April 2026 hat Jan David Meyer das Management übernommen, der seit 2014 bei Taunus Trust ist und seit 2020 eng mit Huber zusammenarbeitete. Unterstützt wird er von Norbert Keimling, verantwortlich für das quantitative Research.
Das zentrale Werkzeug ist das Shiller-CAPE: Taunus Trust leitet daraus Fair-Value-Korridore für verschiedene Aktienmärkte ab. Wo die Kurse deutlich unter dem fairen Wert liegen, wird investiert; wo die Bewertungen aus dem Ruder laufen, geht der Fonds auf Abstand.
Wie weit das vom klassischen Weltportfolio entfernt ist, zeigt die Ländergewichtung: Während der MSCI World inzwischen rund 70 Prozent USA enthält, kommt der TT Contrarian Global auf gerade einmal gut 14 Prozent US-Aktien. Dafür sind Deutschland, Frankreich, Japan, China und Südkorea deutlich stärker vertreten, mit größeren Positionen wie SK Hynix, Petrobras, Barrick Mining, Prosus und Alibaba.
Die Performance gibt der Abweichung recht: 2026 liegt der Fonds rund 25 Prozent im Plus, auf 12 Monate rund 45 Prozent, über 3 Jahre rund 91 Prozent. Der Fonds ist damit das vielleicht deutlichste Gegenstück zum klassischen Welt-ETF: Der MSCI World kauft, was heute groß und erfolgreich ist. Der Contrarian-Fonds sucht, was der Markt morgen erst wiederentdecken könnte.
Lateinamerika: Die Wette auf Banken und Rohstoffe
Eine Region fällt bei der Bewertung besonders auf: Lateinamerika. Das aktuelle Shiller-Cape liegt hier bei 11,7. Hier treffen niedrige Bewertungen auf Rohstoffreichtum, wachsenden Konsum und große Finanzkonzerne. Brasilien dominiert den regionalen Aktienmarkt; Banken, Rohstoffproduzenten und Energieunternehmen erwirtschaften hohe Cashflows und schütten einen Teil davon aus.
Der Preis dafür sind hohe Schwankungen – Währungen, Politik und Rohstoffpreise bewegen die Kurse schnell und kräftig, was viele internationale Anleger fernhält. Für antizyklisch orientierte Investoren ist das eher ein Argument, genauer hinzusehen.
Fonds-Tipp: Nordea 1 – Latin American Equity Fund
Eine fokussierte Möglichkeit bietet der Nordea 1 – Latin American Equity Fund BP-EUR (ISIN: LU0309468808). Der im Jahr 2008 aufgelegte Fonds verbindet makroökonomische Analysen mit fundamentaler Aktienauswahl. Seit Juli 2025 liegt die Verantwortung bei Eduardo Morais und Daniel Almeida, die den bestehenden Ansatz aus Top-down-Länder-/Währungsanalyse und Bottom-up-Stockpicking fortführen.
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Die Länderwette ist deutlich: Brasilien steht für rund 56 Prozent des Portfolios, Mexiko für gut 26 Prozent, Chile für rund 10 Prozent. Finanzwerte machen knapp 30 Prozent aus, Rohstoffe rund 20 Prozent. Zu den größten Positionen gehören Grupo México, Nu Holdings, Credicorp, Itaú Unibanco, Vale und Petrobras – wer den Fonds kauft, kauft also nicht einfach „Lateinamerika“, sondern eine konzentrierte Wette auf Banken, Rohstoffe und ausgewählte Unternehmen der Region.
Die Rendite stimmt bislang: 2026 rund 20 Prozent im Plus, auf 12 Monate gut 33 Prozent, über 3 Jahre rund 42 Prozent, über 5 Jahre knapp 72 Prozent, über 10 Jahre fast 98 Prozent. Allerdings sind die Ausschläge erheblich: politische Risiken, Währungen und die hohe Länder- und Branchenkonzentration gehören zum Paket. Lateinamerika ist nichts für Anleger mit schwachen Nerven – aber genau diese Risiken sorgen dafür, dass die Region noch nicht so teuer ist wie die Börsenlieblinge der vergangenen Jahre.
Die Bewertungsampel für Anleger
| Region | Bewertung | Chance | Risiko |
|---|---|---|---|
| USA | 🔴 teuer | KI, Gewinnwachstum | Bewertungsrisiko |
| Großbritannien | 🟢 günstig | Neubewertung, Dividenden | schwaches Wachstum |
| Deutschland | 🟢 moderat/günstig | Industrie, Value | Konjunktur |
| Emerging Markets | 🟢 attraktiv | Wachstum, Bewertung | Politik, Währung |
| Lateinamerika | 🟢 sehr attraktiv | Rohstoffe, Banken, Cashflows | hohe Volatilität |
Billig allein reicht nicht. Aber teuer macht die Zukunft auch nicht einfacher. Die 5 Fonds spielen dieselbe Grundidee auf unterschiedliche Weise: der JOHCM UK Dynamic setzt auf günstig bewertete britische Unternehmen und mögliche Neubewertungs-Auslöser, der Value-Holdings Deutschland Fund auf deutsche Value-Aktien und Mittelständler, der GAF Lingohr Emerging Markets Value auf Value plus datengetriebene Auswahl in den Schwellenländern, der TT Contrarian Global auf ganze Länder nach ihrer Bewertung, und der Nordea 1 – Latin American Equity Fund gezielt auf die billigere, aber schwankungsreichere Börsenwelt Lateinamerikas. Keiner ersetzt ein breit diversifiziertes Aktienportfolio – das ist auch nicht ihre Aufgabe. Sie setzen dort an, wo ein globaler Index kaum hinschaut.
Nicht billig kaufen. Billige Qualität kaufen.
Eine Aktie mit einem KGV von 5 kann ein Schnäppchen sein – oder eine Falle, wenn die Gewinne einbrechen. Umgekehrt kann ein Unternehmen mit KGV 30 ein gutes Investment sein, wenn seine Gewinne über Jahre schneller wachsen als erwartet. Bewertung ist kein Kaufsignal, sondern der Preis, den Anleger für die Zukunft bezahlen. Und dieser Preis ist heute extrem unterschiedlich.
Die USA bleiben das Zentrum der globalen Börse. Wer über einen Welt-ETF investiert, besitzt automatisch eine große Wette auf US-Aktien und deren hohe Bewertungen. Das muss nicht schiefgehen – aber auch nicht ewig gutgehen. Vielleicht liegt die nächste gute Börsenchance deshalb nicht dort, wo die Kurse bereits die beste Geschichte erzählen. Sondern dort, wo die Geschichte stimmt – aber der Preis noch nicht.
Der Beitrag Die Schnäppchen-Börsen: Wo Aktien 2026 günstig sind – und welche Fonds profitieren erschien zuerst auf ftd.de.