Value ETFs: Comeback der Substanzaktien hängt den MSCI World ab

Value ETFs erleben 2026 eine Renaissance: Solide Unternehmensgewinne und hohe Cashflows rücken wieder in den Anleger-Fokus. (Bild: Magnific.com, freepik)

Wahnsinn an den Märkten! Während die überhitzten Tech-Lieblinge zunehmend Federn lassen müssen, feiert die vermeintlich verstaubte Substanzaktie ein fulminantes Comeback. Seit Jahresbeginn schießen Value-ETFs um teils über 30 Prozent nach oben und stellen den klassischen MSCI World damit tief in den Schatten. Es ist die große Abrechnung an der Börse und das Ende einer jahrelangen Tech-Monokultur. Anleger können mit ETFs von iShares, Xtrackers oder SPDR davon profitieren.

Klumpenrisiko im MSCI World: Die große Rotation in Value ETFs

Jahrelang gab es für Anleger nur eine Richtung: Tech, Growth, immer spektakulärer, immer teurer. Doch an den Finanzmärkten wächst kein Baum bis in den Himmel. Die gigantische Klumpenbildung im standardmäßigen MSCI World, in dem eine Handvoll Tech-Riesen die Richtung diktieren, ist plötzlich vom Segen zum Fluch geworden. Sobald der Hype um künstliche Intelligenz eine kurze Atempause einlegt, gerät das gesamte globale Fundament ins Wanken.

Genau hier kommt der systematische Value-Ansatz zum Tragen. Anstatt auf vage Zukunftsversprechen zu setzen, filtern diese Indizes gnadenlos nach harten, fundamentalen Fakten. Gefragt sind Unternehmen mit einem niedrigen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) und einem soliden Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV). Was früher als langweilig galt, ist heute der absolute Renditebringer. Anleger schichten ihr Kapital massiv um. Es findet ein historischer Bewertungsausgleich statt, eine Rückkehr zum Mittelwert. Die Bewertungsschere zwischen astronomisch teurem Wachstum und sträflich vernachlässigter Substanz war zuletzt so weit geöffnet wie seit der Dotcom-Blase zur Jahrtausendwende nicht mehr.

Zinsumfeld im Juni 2026: Cashflows füttern Value-Unternehmen

Begleitet wird diese tektonische Verschiebung von einer neuen makroökonomischen Realität. Die Ära der Nullzinsen ist vorbei und die globalen Zinsen haben sich auf einem stabilen Niveau eingependelt. Das verändert die Spielregeln radikal. Während Wachstumsunternehmen ihre Gewinne, die erst in ferner Zukunft erzielt werden, teuer über Kredite finanzieren müssen, verdienen Value-Unternehmen ihr Geld im Hier und Jetzt. Sie verfügen über sprudelnde operative Cashflows, haben deutlich weniger Schulden und können ihren Aktionären saftige Dividenden zahlen. In unruhigen Zeiten greift der Markt eben lieber nach dem Spatz in der Hand als nach der Taube auf dem Dach.

Die Anatomie der Value-Strategien spiegelt diese Stärke perfekt wider – selbst wenn die Indexanbieter die Kriterien unterschiedlich scharf auslegen. Im Vergleich zum herkömmlichen Weltindex, der zu über 70 Prozent US-lastig ist, bietet der Value-Ansatz eine spürbar ausgewogenere geografische Verteilung. Der US-Anteil wird deutlich reduziert, während japanische und europäische Substanzwerte das Gewicht erhalten, das ihnen zusteht. Bei den Sektoren haben die klassischen Defensivkünstler das Sagen. Neben dem Technologiesektor führt das Finanzwesen mit den globalen Großbanken das Feld an, dicht gefolgt vom Gesundheitssektor, stabilen Energiekonzernen und defensiven Basiskonsumgütern.

Tech und Substanz-Aktien: Wahre Treiber der aktuellen Rallye

Wer glaubt, im Value-Segment fänden sich nur verstaubte Eisenbahnaktien und traditionelle Autobauer, dürfte sich beim Blick auf die wahren Renditetreiber die Augen reiben. Denn das Geheimnis der aktuellen 30-Prozent-Rallye liegt in der lukrativen Kombination aus „Old Economy” und „Old Tech”. Selbst hochprofitable Tech-Giganten wie Alphabet (Google) waren im Vergleich zu ihrer enormen Ertragskraft zeitweise fundamental günstig bewertet. Deshalb flogen sie mit hohem Gewicht in die Value-Körbe und trieben die Performance massiv an.

Noch extremer zeigt sich das im „Enhanced Value“-Ansatz von MSCI. Dieser filtert die Fundamentaldaten besonders aggressiv und gewichtet die Aktien entsprechend. Das führt zu einer ungewöhnlich hohen IT-Quote von über 33 Prozent.

Der absolute Performance-Turbo war zuletzt die Halbleiterbranche: Speicherchip-Giganten wie Micron Technology wurden durch temporäre zyklische Dellen fundamental spottbillig in den Index gespült. Als der KI-Boom die Nachfrage nach Hardware real explodieren ließ, nahm der Enhanced-Value-Ansatz diesen Hebel voll mit. Auch klassische Netzwerkausrüster wie Cisco Systems und der Mobilfunkriese Verizon Communications lieferten als verlässliche Dividenden- und Cashflow-Maschinen das perfekte Fundament für die Rallye.

Flankiert wird diese Tech-Elite von traditionellen Schwergewichten. So profitiert die US-Großbank JPMorgan Chase wie nie zuvor von den gestiegenen Zinsmargen, während der Energiegigant Exxon Mobil dank disziplinierter Investitionen Rekordsummen über Aktienrückkäufe an die Anleger ausschüttet.

Value-ETFs im Vergleich: iShares, Xtrackers und SPDR

Wer auf die Renaissance der Substanzwerte setzen möchte, sollte genauer hinschauen. Denn Value ist nicht gleich Value. Hinter den ETFs verbergen sich unterschiedliche Index-Konzepte, die das Thema „günstige Bewertungen“ sehr verschieden interpretieren.

Die offensive Variante: iShares und Xtrackers

Der bekannteste Vertreter ist der iShares Edge MSCI World Value Factor UCITS ETF (ISIN: IE00BP3QZB59). Er bildet den MSCI World Enhanced Value Index ab und gehört mit einer Gesamtkostenquote von 0,30 Prozent pro Jahr zu den günstigsten Möglichkeiten, systematisch in Value-Aktien zu investieren. Anleger können zwischen einer thesaurierenden und einer ausschüttenden Anteilsklasse (ISIN: IE00BFYTYS33) wählen.

 


Der zugrunde liegende Index verfolgt einen konsequenten Faktoransatz. Aktien werden strikt nach fundamentalen Kennzahlen wie Kurs-Gewinn- und Kurs-Buchwert-Verhältnis ausgewählt und gewichtet. Das kann dazu führen, dass einzelne Unternehmen zeitweise hohe Positionen im Portfolio einnehmen. Während der jüngsten Halbleiter-Rallye erreichte beispielsweise Micron Technology ein Gewicht von mehr als 7 Prozent.

Das Ergebnis ist ein vergleichsweise offensiver Value-Ansatz, der auch vor Technologieaktien nicht zurückschreckt, sofern diese günstig bewertet erscheinen.

Wer eine Alternative zu iShares sucht, findet mit dem Xtrackers MSCI World Value UCITS ETF (ISIN: IE00BL25JM42) einen nahezu identischen Ansatz. Der ETF bildet denselben Index ab, kostet mit 0,25 Prozent sogar etwas weniger und unterscheidet sich in der Praxis kaum vom iShares-Pendant.

 


Der Qualitätfilterer: SPDR setzt auf Substanz statt Schnäppchen

Einen anderen Weg geht der SPDR MSCI World Value UCITS ETF (ISIN: IE00BJXRT813), der den MSCI World Value Exposure Select Index abbildet.

Hier genügt eine günstige Bewertung allein nicht. Zusätzlich müssen die Unternehmen strenge Qualitätskriterien erfüllen. Schwache Bilanzen, sinkende Kapitalrenditen oder strukturelle Probleme führen zum Ausschluss – selbst dann, wenn die Aktie auf den ersten Blick attraktiv bewertet erscheint.

Ziel ist es, klassische Value-Fallen zu vermeiden: Unternehmen, die nicht ohne Grund billig sind. Entsprechend sucht man angeschlagene Turnaround-Kandidaten wie Intel unter den größten Positionen vergeblich. Stattdessen dominieren etablierte Cashflow-Lieferanten wie Cisco Systems sowie die Halbleiter-Zulieferer Applied Materials und Lam Research.

 


Auch bei der Portfoliostruktur setzt SPDR andere Akzente. Der Technologieanteil fällt etwas niedriger aus als beim MSCI World Enhanced Value Index. Dafür erhalten andere Regionen mehr Gewicht. Besonders auffällig ist der hohe Japan-Anteil von rund 20 Prozent, der für eine breitere regionale Diversifikation sorgt.

Der SPDR-ETF ist damit weniger die Wette auf die günstigsten Aktien der Welt, sondern auf die Kombination aus günstiger Bewertung und hoher Unternehmensqualität.

Fazit Value ETFs: Darum rückt die Aktien-Bewertung in den Fokus

Die Renaissance der Value-Aktien ist mehr als nur eine kurzfristige Marktrotation. Sie zeigt, dass nicht jede Erfolgsgeschichte an der Börse unbegrenzt fortgeschrieben werden kann. Nach Jahren, in denen immer mehr Kapital in dieselben Technologieaktien floss, rücken plötzlich wieder Bewertungen, Cashflows und die Bilanzqualität in den Fokus.

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Für Anleger ist das eine wichtige Erinnerung: Diversifikation bedeutet mehr, als viele Aktien zu besitzen. Wer ausschließlich auf klassische Weltindizes setzt, ist heute stärker von wenigen US-Technologiekonzernen abhängig, als vielen bewusst ist.

Value-ETFs bieten die Möglichkeit, dieses Ungleichgewicht auszugleichen. Dabei können Anleger zwischen unterschiedlichen Ansätzen wählen. Der MSCI-Enhanced-Value-Ansatz von iShares und Xtrackers beispielsweise setzt kompromisslos auf günstige Bewertungen und nimmt dafür höhere Schwankungen in Kauf. Der SPDR-Ansatz kombiniert Value mit Qualitätsfiltern und verfolgt einen defensiveren Kurs.

Beide Strategien eint jedoch dieselbe Grundüberzeugung. Langfristig entscheiden nicht Schlagzeilen, Trends oder Hypes über den Anlageerfolg, sondern der Preis, den Anleger für die Ertragskraft eines Unternehmens bezahlen.

Die große Überraschung des Jahres 2026 ist es deshalb nicht, dass Value-Aktien steigen. Überraschend ist vielmehr, dass die lange unterschätzten „Langweiler” den Markt daran erinnern, worauf es an der Börse am Ende immer ankommt: solide Gewinne, starke Cashflows und vernünftige Bewertungen.

 

Disclaimer:
Keine Anlageberatung. Kein Aufruf zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren.

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