Vergangene Woche kam etwas Bewegung in die Geopolitik: In Doha laufen Gespräche zum Iran-Konflikt, in der Ukraine gab es eine kurze regionale Waffenruhe, und die USA drängen auf russische Gaslieferungen nach Europa. Die Zentralbanken haben die Zinsen stabil gehalten, aber Zinserhöhungen stehen im Raum. In der aktuellen Woche sind die USA im Fokus: Wird Trump bei den Zwischenwahlen seine Machtbasis im Kongress verlieren? Zudem publiziert die US-Regierung den aktuellen Arbeitsmarktbericht, und die Märkte blicken auf neue Inflationszahlen für den Euroraum.
Geopolitik und europäische Energieversorgung – Die Analyse im Hellmeyer der Woche
Auf geopolitischer Ebene zeichnen sich in Doha fortgesetzte diplomatische Bemühungen zur Entschärfung der Spannungen im Nahen Osten ab. Eine Eskalation des Konflikts hätte mittelfristig gravierende wirtschaftliche Folgen für alle Beteiligten, weshalb der Fokus der internationalen Akteure auf Verhandlungslösungen liegt. Gleichzeitig drängt die US-Regierung darauf, europäische Märkte wieder über bestehende ukrainische Pipelines mit russischem Gas zu versorgen. Dies der Ukraine Durchleitungsgebühren sichern und das europäische Energiedefizit abmildern.
Die Situation der europäischen Energieversorgung bleibt äußerst angespannt. In Deutschland lag der Füllstand der Gasspeicher Anfang November bei lediglich 61,03 Prozent, was die gesetzlich vorgeschriebene Zielmarke von 70 Prozent deutlich verfehlt. Die Hoffnung auf einen milden Winter birgt Risiken, insbesondere da ab dem 1. Januar 2027 ein EU-weites Importverbot für russisches Flüssiggas gilt; russisches Gas insgesamt machte 2025 noch rund 12 Prozent der EU-Gasimporte aus.
Auch die Preisentwicklung unterstreicht die prekäre Lage am Standort Europa. Im Oktober verzeichneten die europäischen Gaspreise einen Anstieg von knapp 44 Prozent und erreichten den höchsten Stand seit November 2022. Im starken Kontrast dazu fielen die Gaspreise in den USA im selben Zeitraum um 4,7 Prozent. Im Jahresvergleich liegt das europäische Preisniveau für Gas drastisch um über 215 Prozent höher, während es in den Vereinigten Staaten um etwa 15 Prozent gesunken ist. Diese massive Divergenz führt zu einem eklatanten Verlust der industriellen Wettbewerbsfähigkeit in Europa.
Makroökonomie und globale Finanzmärkte im Fokus
Die Belastungen durch hohe Energiekosten spiegeln sich direkt in der Binnenwirtschaft wider. Im jüngsten Berichtsmonat brachen die deutschen Einzelhandelsumsätze um 2 Prozent ein, entgegen der Konsensschätzung eines leichten Wachstums. Inflationsbereinigt beläuft sich der Rückgang im Jahresvergleich auf 2,3 Prozent. Die USA verzeichneten im selben Zeitraum hingegen einen inflationsbereinigten Anstieg der Einzelhandelsumsätze von 3 Prozent. Diese stark voneinander abweichenden Daten verdeutlichen eine strukturelle Schwäche der europäischen Wirtschaft im globalen Vergleich.
Während die Europäische Union wirtschaftspolitisch stagniert, setzen andere Nationen auf bilaterale Fortschritte. Das erweiterte Freihandelsabkommen zwischen China und der Schweiz, das Zölle nahezu vollständig abschafft, demonstriert einen pragmatischen Ansatz zur Wirtschaftsförderung. Gleichzeitig offenbaren gesellschaftliche Unruhen in Frankreich und zunehmend auch in Deutschland eine wachsende Unzufriedenheit der Bevölkerung mit der aktuellen Wirtschafts- und Strukturpolitik.
Auch die Fiskalpolitik der Eurozone weist erhebliche Defizite auf, wie die Regierungskrise in Belgien zeigt. Bei einer prognostizierten Staatsverschuldung von 110 Prozent und einem prognostizierten Defizit von 5,2 Prozent droht dort die Aufstellung des Haushalts für das Jahr 2027 an notwendigen Einsparungen von 10 Milliarden Euro zu scheitern. Obwohl die systemischen Risiken innerhalb der Eurozone zunehmen, bleiben die Reaktionen an den Devisenmärkten bislang moderat. Eine Neubewertung dieser Risiken durch die Finanzmärkte könnte jedoch jederzeit erfolgen.
Zinsentscheide und die aktuelle Börsenlage
In der vergangenen Woche haben die großen Zentralbanken eine abwartende Haltung eingenommen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hielt den Einlagensatz bei 2,5 Prozent, die US-Notenbank (Fed) den Leitzins bei 3,875 Prozent und die Bank of Japan ihren Satz bei 1,25 Prozent. Trotz dieser Zinspausen bleibt das Thema weiterer Zinserhöhungen an den Märkten präsent. Vertreter der Fed signalisierten bereits, dass in naher Zukunft mit weiteren Zinsschritten zu rechnen sei, was maßgeblich von exogenen Faktoren wie der Entwicklung der Energiepreise abhängt.
Die makroökonomischen Indikatoren belegen die anhaltende wirtschaftliche Dominanz der Vereinigten Staaten. Das US-Wirtschaftswachstum lag im dritten Quartal bei annualisierten 3,4 Prozent, angetrieben durch eine wirtschaftsfreundliche Politik und robuste Investitionen. Die Eurozone verzeichnete im Gegensatz dazu ein Wachstum von lediglich 0,4 Prozent im Quartalsvergleich. Frankreich, als eine der Kernökonomien Europas, enttäuschte sogar mit einer wirtschaftlichen Kontraktion von 0,1 Prozent.
In Deutschland sank die Inflationsrate im Oktober vorläufig auf 2,8 Prozent, was jedoch primär auf gesunkene Kraftstoffpreise zurückzuführen ist und keine strukturelle Entspannung darstellt. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt wuchs im Quartalsvergleich um 0,2 Prozent. Festzuhalten ist, dass dieses Wachstum durch staatliche Nachfrage gestützt wird, während private Investitionen ausbleiben. In China zeigten die staatlichen Einkaufsmanagerindizes zwar eine leichte Kontraktion, doch das Gesamtwachstum stabilisiert sich im Rahmen der Zielvorgabe von 5 Prozent.
Prognose für die Finanzmärkte – Termine der Berichtswoche im Hellmeyer der Woche
Die laufende Berichtswoche bietet zahlreiche potenziell marktbewegende Ereignisse. Ein zentraler Fokus liegt auf den US-Zwischenwahlen, deren Ausgang die politische Handlungsfähigkeit und den wirtschaftlichen Kurs der USA maßgeblich beeinflussen wird. Daneben werden wichtige Daten zur globalen Industrie veröffentlicht, beginnend mit dem weltweiten Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe, der eine Orientierung über den Zustand der Weltwirtschaft bietet.
Für die US-Wirtschaft werden weitere robuste Daten erwartet. Die Prognose für die US-Auftragseingänge der Industrie geht von einem Zuwachs von 1,2 Prozent aus. Der JOLTS-Bericht dürfte mit erwarteten 7,125 Millionen offenen Stellen die anhaltende Stärke des amerikanischen Arbeitsmarktes bestätigen. Am Freitag steht zudem der umfassende US-Arbeitsmarktbericht im Fokus, bei dem ein Stellenaufbau von 65.000 Jobs außerhalb der Landwirtschaft bei einer stabilen Arbeitslosenquote von 4,2 Prozent prognostiziert wird.
In Europa richtet sich der Blick auf die finalen Daten zur Inflation in der Eurozone. Es wird ein leichter Anstieg der Verbraucherpreise auf 3,9 Prozent erwartet. Für Anleger am Geldmarkt bedeutet dies weiterhin eine deutlich negative Realrendite von minus 1,4 Prozent. Die Bank of England wird voraussichtlich ihren Leitzins von 3,75 Prozent auf 4 Prozent anheben, was im Gegensatz zur Eurozone einen positiven Realzins für britische Anlagen sichert. Für Deutschland werden zudem neue Zahlen zu den Industrieaufträgen erwartet, deren Aussagekraft jedoch durch die zunehmende Verlagerung der Produktion ins Ausland eingeschränkt ist.
Der Hellmeyer der Woche: Kernaussagen der Analyse
- Energiekrise: Die europäische Gasversorgung bleibt angespannt. Der drastische Preisunterschied zu den USA gefährdet die industrielle Basis in Europa massiv.
- Makroökonomie: Die US-Wirtschaft zeigt starke Wachstumsraten, während die Eurozone und insbesondere Deutschland und Frankreich strukturell stagnieren.
- Geldpolitik: Die Zentralbanken pausieren vorerst bei Zinserhöhungen, doch das Risiko weiterer geldpolitischer Straffungen bleibt bestehen.
- Wettbewerbsfähigkeit: Hohe Produktionskosten und ausbleibende Privatinvestitionen zwingen europäische Unternehmen zunehmend, Aufträge im Ausland abzuwickeln.
Fazit und Relevanz für Anleger
Die aktuelle Marktsituation verlangt von Investoren eine differenzierte Analyse der regionalen Gegebenheiten. Die USA untermauern ihre Position als globaler Wachstumsmotor mit starken makroökonomischen Fundamentaldaten und einer investorenfreundlichen Standortpolitik. Europa hingegen befindet sich in einem schwierigen strukturellen Umfeld, geprägt von Wettbewerbsnachteilen und ungelösten haushaltspolitischen Herausforderungen.
Die negativen Realrenditen im Euroraum entwerten die Kaufkraft und erfordern strategische Anpassungen in der Vermögensallokation. Anleger sollten den Fokus verstärkt auf internationale Diversifikation legen und die kommenden wirtschaftspolitischen Entscheidungen sowie die Resultate der US-Wahlen genauestens beobachten.
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Disclaimer:
This article is based exclusively on the transcript of the broadcast "Hellmeyer der Woche", calendar week 18. The content is for journalistic information and does not constitute investment advice.
The contribution US Election Forecast: Trump will not become a lame duck! The Hellmeyer of the Week KW45 appeared first ftd.de.