Die Finanzmärkte zeigen sich zum Wochenauftakt optimistisch, dass sich der Irankonflikt entschärfen lässt. Dafür spricht der enorme diplomatische Druck, denn die Schließung der Straße von Hormus bedroht die globale Energieversorgung, die Welternährung und die Chipproduktion. In Deutschland zeigen die Wirtschaftskennzahlen nach unten, die Unternehmensverbände schlagen Alarm. Die aktuelle Woche ist voll mit wichtigen Terminen, darunter die Inflationsraten für Deutschland und die Eurozone sowie die Zinsentscheidungen der US-Notenbank Fed und der Europäischen Zentralbank.
Der Iran-Konflikt als globaler Risikofaktor
Der Iran-Konflikt bleibt das bestimmende geopolitische Thema der Woche. Folker Hellmeyer verweist auf eine intensive, jedoch weitgehend unsichtbare Diplomatie: Irans Außenminister reiste in den Oman, nach Pakistan und weiter nach Russland. Berichte des Portals axios.com deuten darauf hin, dass Teheran neue Vorschläge zur Deeskalation auf den Tisch gelegt hat.
Hellmeyer bewertet den diplomatischen Druck als substanziell – gerade weil die Verhandlungen abseits der Öffentlichkeit stattfinden. Sein zentrales Argument: Die wirtschaftlichen Folgen einer weiteren Eskalation wären für die gesamte Weltgemeinschaft gravierend.
Warum die Straße von Hormuz so kritisch ist
Durch die Straße von Hormuz wird ein erheblicher Teil des weltweit gehandelten Öls und Flüssiggases transportiert. Eine Blockade würde vor allem den asiatisch-pazifischen Raum treffen, in der Folge aber auch Europa über Wettbewerb um Alternativressourcen belasten.
Darüber hinaus ist der Golfraum ein zentraler Produzent von Stickstoffdünger (Harnstoff/Urea), der für die globale Nahrungsmittelproduktion unverzichtbar ist. Engpässe würden insbesondere ärmere Länder treffen und inflationären Druck im Lebensmittelsektor erzeugen.
Auch die Heliumversorgung für die Chipproduktion – ein Schlüsselelement der laufenden industriellen Transformation – hängt partiell an dieser Region.
Ukrainekonflikt rückt aus dem medialen Fokus
Weniger mediale Aufmerksamkeit erhält derzeit die Lage in der Ukraine. Hellmeyer warnt davor, diese Zuspitzung zu unterschätzen. Innerhalb des russischen politischen Establishments gewinnen nach seiner Einschätzung jene Akteure an Einfluss, die eine härtere Gangart gegenüber der Europäischen Union befürworten. Er verweist auf die Möglichkeit, dass Russland über Eskalationsoptionen verfügt, die im öffentlichen Diskurs bislang kaum thematisiert werden.
Deutschland: Stimmungsindikatoren auf Tiefstständen
Der Datenkranz aus Deutschland fiel in der vergangenen Woche durchweg enttäuschend aus. Der GfK-Konsumklimaindex sank von minus 28,1 auf minus 33,3 Punkte. Der ZEW-Index, der vor allem das Kapitalmarktsentiment abbildet, kollabierte von minus 0,5 auf minus 17,2 Punkte. Der ifo-Geschäftsklimaindex gab ebenfalls unerwartet deutlich nach: von 86,3 auf 84,4 Punkte.
Die Erosion des Vertrauens in die deutsche Wirtschaftspolitik hat eine historische Dimension – und übersetzt sich direkt in eine Investitionszurückhaltung der Unternehmen.
Hinzu kommt der Einkaufsmanagerindex (PMI) für die Gesamtwirtschaft, der mit 48,3 Punkten klar im kontraktiven Bereich liegt – nach noch 51,9 Punkten im Vormonat. Hellmeyer sieht in dieser Gemengelage ein eindeutiges Misstrauensvotum gegen die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen Deutschlands und fordert eine grundlegende Neuausrichtung – insbesondere in der Energiepolitik, die er als entscheidende Stellschraube für die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts identifiziert.
Eurozone: Ähnliche Muster, ähnliche Probleme
Auch für die Eurozone insgesamt zeichnet die Datenlage ein gedämpftes Bild. Der PMI für die Gesamtwirtschaft sank von 50,7 auf 48,6 Punkte. Die Bauleistung blieb im Februar mit minus 1,9 Prozent im Monatsvergleich schwach. Das Verbrauchervertrauen rutschte von minus 16,4 auf minus 20,6 ab. Hellmeyer interpretiert diese Signale als Appell an die europäische Politik, die gesetzten wirtschaftspolitischen Prioritäten kritisch zu überprüfen.
USA: Industrielle Stärke, aber verunsicherte Verbraucher
In den Vereinigten Staaten zeigt sich ein differenziertes Bild. Der Gesamtwirtschafts-PMI stieg von 50,3 auf 52,0 Punkte, die Einzelhandelsumsätze legten im Jahresvergleich um knapp vier Prozent zu. Damit performen die USA makroökonomisch deutlich besser als die westlichen Industrienationen in Europa. Allerdings trübt das Verbrauchervertrauen nach dem Michigan-Index das Bild: Mit 49,8 Punkten liegt es auf dem historisch niedrigsten Stand überhaupt.
China: Industriegewinne auf Mehrjahreshoch
China sendet dagegen klare positive Signale: Die Industriegewinne stiegen um 15,5 Prozent – der beste Wert seit Dezember 2021. Die Leitzinsen blieben unverändert bei drei und 3,5 Prozent. Hellmeyer sieht China in einer robusten Verfassung und wertet die Entwicklung als Beleg für die strukturelle Resilienz der chinesischen Industrie.
Börsen Ausblick: Aktienmärkte preisen Deeskalation ein
Trotz der geopolitischen Unsicherheiten lieferten die internationalen Aktienmärkte in der Berichtswoche starke Signale. Der S&P 500 schloss am Freitag auf einem neuen Allzeithoch, ebenso der Nasdaq. Auch der südkoreanische KOSPI und der Nikkei verzeichneten neue Höchststände. Hellmeyer interpretiert diese Bewegung als implizite Markterwartung einer Deeskalation im Iran-Konflikt: Die Finanzmärkte preisen demnach einen moderaten Ausgang ein – und würden bei einer tatsächlichen Öffnung der Straße von Hormuz nochmals positiv reagieren.
Der Dax blieb demgegenüber zurück, was Hellmeyer vor dem Hintergrund der schwachen deutschen Konjunkturdaten nicht überrascht. Strukturelle Erholungspotenziale sieht er auch hier, sofern die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen angepasst werden.
Positive Faktoren
- Diplomatische Fortschritte im Iran-Konflikt möglich
- US-PMI deutlich im expansiven Bereich
- Chinas Industriegewinne auf Mehrjahreshoch
- Märkte preisen bereits Deeskalation ein
- Fed und EZB halten Zinsen stabil
Risikofaktoren
- Straße von Hormuz bleibt kritischer Engpass
- Deutsche Stimmungsindikatoren auf Mehrjahrestiefs
- Ukrainekonflikt unter dem Radar eskalierend
- Eurozone-PMI unter Kontraktionsschwelle
- US-Verbrauchervertrauen historisch schwach
Hellmeyers Ausblick auf die Berichtswoche
Die kommende Handelswoche bietet eine Vielzahl marktrelevanter Datenpunkte. Besonders im Fokus stehen die erste Schätzung des deutschen BIP für das erste Quartal sowie die Erstschätzung der Verbraucherpreise für Deutschland und die Eurozone. Hellmeyer erwartet für Deutschland ein leicht positives Quartalswachstum – weist aber auf eine erhöhte Revisionsanfälligkeit hin, da die März-Daten noch nicht vollständig eingeflossen sind.
Für die USA wird das annualisierte BIP-Wachstum auf 2,2 Prozent geschätzt – ein Wert, der die Outperformance der US-Wirtschaft gegenüber Europa unterstreicht. Sowohl die Federal Reserve als auch die Europäische Zentralbank werden ihre Zinsentscheidungen treffen – in beiden Fällen gilt eine unveränderte Politik als ausgemachte Sache.
Hellmeyer der Woche: Fazit für Anleger
Die Analyse von Hellmeyer der Woche KW 18 zeichnet ein vielschichtiges Bild: Wer ausschließlich auf die Aktienmärkte schaut, könnte verleitet werden, die aktuellen Risiken zu unterschätzen. Die neue Rekordjagd an den Börsen spiegelt weniger die konjunkturelle Realität wider als vielmehr eine vorweggenommene Hoffnung auf eine diplomatische Lösung im Iran-Konflikt.
Für Anleger bedeutet das: Selektive Risikoneigung ist angebracht. Die strukturellen Schwächen des deutschen und europäischen Wirtschaftsraums sprechen dafür, global diversifiziert positioniert zu bleiben – mit Blick auf robustere Märkte wie die USA oder ausgewählte asiatische Volkswirtschaften.
Mittelfristig entscheidet die Frage, ob Deutschland und die Eurozone die nötigen wirtschaftspolitischen Weichenstellungen vornehmen – insbesondere in der Energiepolitik. Ohne spürbare Korrekturen droht die schleichende Erosion des industriellen Kerns, die in den Daten dieser Woche bereits sichtbar ist.
The economic overview with current assessment short and concise – only here at Hellmeyer of the Week.
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Disclaimer:
Dieser Artikel basiert ausschließlich auf dem Transkript der Sendung Hellmeyer der Woche, Kalenderwoche 18. Die Inhalte dienen der journalistischen Information und stellen keine Anlageberatung dar.
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