Aktien und Psychologie: Wie Sie in Zeiten der Marktvolatilität rational bleiben

Die Analyse der Fundamentaldaten kann dabei helfen, Rücklaufphasen rational zu bewerten. (Foto: Magnific.com, standret)

An der Börse gibt es ein Phänomen, das selbst erfahrene Investoren an ihrem Verstand zweifeln lässt. Ein Unternehmen meldet hervorragende Zahlen, steigert die Margen und generiert sprudelnde Cashflows, doch der Aktienkurs fällt unaufhörlich. In solchen Momenten scheint sich der Markt völlig von der wirtschaftlichen Realität entkoppelt zu haben.

Der legendäre André Kostolany verglich dieses Verhältnis treffend mit einem Herrchen und seinem Hund. Während das Herrchen (die Wirtschaft) gleichmäßig voranschreitet, läuft der Hund (der Aktienkurs) mal weit voraus und bleibt mal weit zurück. Am Ende kommen jedoch beide gemeinsam am Ziel an.

Innensicht (Intuition) vs. Außensicht (Statistik)

Wenn Kurse fallen, neigen Anleger dazu, sich in spezifischen Details und dramatischen Narrativen zu verlieren. Das verleitet zur Innensicht und führt dazu, dass man sich ausschließlich auf das vorliegende Problem konzentriert – etwa auf die mögliche Bedrohung durch Abnehmspritzen für die Verkaufszahlen von McDonald’s. Diese Sichtweise ist intuitiv, konstruiert eine lineare Geschichte und führt häufig zu Fehlprognosen, weil sie statistische Wahrscheinlichkeiten und die Realität ignoriert.

Das Gegenmittel ist die „Außensicht“. Anstatt sich zu fragen: „Wird die Spritze den Appetit auf Big Macs stoppen?“, stellt die Außensicht eine völlig andere, statistische Frage: „Wie hoch ist die historische Überlebensrate eines globalen Marktführers mit über 40.000 Standorten, wenn er mit einem neuen Gesundheitstrend konfrontiert wird?“

Wenn der Markt richtig liegt und wenn er irrt

Um rational zu bleiben, muss man verstehen, wann Panik berechtigt ist. Ein klassisches Beispiel für eine korrekte Markteinschätzung war der Niedergang der Zeitungsindustrie durch das Internet. Hier war die Technologie kein Werkzeug zur Verbesserung, sondern ein direkter Ersatz, der das Geschäftsmodell fundamental zerstörte. Die Kurse fielen lange bevor die Gewinne einbrachen, weil der Markt das Ende des „wirtschaftlichen Burggrabens“ korrekt eingepreist hat.

Im Gegensatz dazu steht die Null-Rendite-Phase von Microsoft zwischen 2000 und 2012. Trotz steigender Gewinne stagnierte der Kurs über ein Jahrzehnt. Der Markt war überzeugt, dass Microsoft den Anschluss an Mobile und Cloud verpasst hatte. Doch die tief verwurzelten Kundenbeziehungen und hohen Wechselkosten boten eine enorme Sicherheitsmarge. Wer damals auf die Fundamentaldaten vertraute, wurde später reich belohnt.

Eine sachliche Analyse

Wenn wir vor einem fallenden Aktienkurs sitzen, fragen wir uns meist: „Was muss passieren, damit die Aktie wieder steigt?“ Das ist die falsche Frage. Sie führt zu Zweckoptimismus. Besser wäre es, sich zu fragen, was passieren müsste, damit das Unternehmen wertlos wird und die Gewinne zurückgehen. Durch diese Umkehrung der Perspektive liegt der Fokus auf der Realität des Geschäftsmodells.

I. Suche nach Bruchstellen im Geschäftsmodell

Jedes Geschäftsmodell hat eine Achillesferse. Bei einem Konzern wie Novo Nordisk sind das die medizinische Überlegenheit und die Zulassung der Medikamente. Die hohe Abhängigkeit von wenigen Wirkstoffen, Konkurrenz und ein Patent-Cliff sind real. Wenn auch die operativen Ergebnisse nicht mehr stimmen und das Angebot die Nachfrage übersteigt, sollten Alarmglocken schrillen. Ist hier eine Wende abzusehen? Wenn die operativen Ergebnisse jedoch hervorragend sind und die Wachstumsziele im Einklang mit dem Wettbewerb stehen, ist der Hund nur etwas müde geworden.

II. „Unkopierbar“-Check

Stellen Sie sich vor, Sie hätten unendlich viel Geld zur Verfügung: Könnten Sie das Geschäft von heute auf morgen nachbauen? Bei Microsoft lautet die Antwort: Nein. Die Betriebssysteme und Office-Anwendungen sind so tief in die globalen Arbeitsabläufe von Behörden und Konzernen integriert, dass ein Wechsel fast unmöglich ist. Wenn der Markt so tut, als würde ein neuer Trend das Geschäft über Nacht auslöschen, ignoriert er die immense Wechselbarriere. Ein fallender Kurs bei gleichzeitigem Monopol auf dem Schreibtisch ist oft kein Risiko, sondern ein Geschenk, wenn die Bewertung stimmt.

Smartbroker Dashboard / Quelle: Smartbroker Presse

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III. Wenn der fallende Kurs zum Werkzeug wird

In einer Panik vergessen viele, dass ein niedriger Aktienkurs für ein kerngesundes Unternehmen ein strategischer Vorteil ist. Firmen wie Meta haben hohe Cashbestände. Wenn der Kurs sinkt, nutzt ein gutes Management dieses Geld oft für massive Aktienrückkäufe. Das bedeutet: Das Unternehmen kauft sich selbst günstig ein, und der Anteil jedes verbleibenden Aktionärs am zukünftigen Gewinn wächst automatisch. In diesem Fall vernichtet der fallende Kurs keinen Wert, sondern beschleunigt den Vermögensaufbau für diejenigen, die dabei bleiben.

IV. Die Wette auf die Normalität

Der Markt liebt dramatische Geschichten über den Untergang ganzer Branchen. Ein perfektes Beispiel ist Alphabet: Als neue KI-Chatbots auftauchten, hieß es sofort, die klassische Suche sei am Ende und das Geschäftsmodell würde „gefressen“. Doch die Realität sieht meist unspektakulärer aus. Die Menschen nutzen weiterhin Google, weil die Infrastruktur und das Vertrauen tief verwurzelt sind, während Alphabet die KI einfach in seine bestehenden Produkte integriert.

Fazit für die Praxis

Erfolgreich in Aktien zu investieren erfordert oftmals den Mut, von der Mehrheit abzuweichen. Das ist ein Schritt, der uns emotional herausfordert, da unser Gehirn darauf eingestellt ist, sich anzupassen und Stimmungen schnell aufzunehmen. Wer jedoch lernt, Cashflows, Gewinne und das Geschäftsmodell eines Unternehmens sachlich zu analysieren, bleibt auch bei emotionalen Schwankungen ruhig. Solange das Unternehmen solide wächst, wird es langfristig auch wieder an Wert gewinnen.

 

Clause de non-responsabilité:
Pas de conseils en investissement. Aucun appel pour acheter ou vendre des titres.

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