Christine Lagarde (Foto: ECB 2025, Maurice Weiss, Ostkreuz)
Christine Lagarde räumt einen Irrtum ein. Im am 30. September veröffentlichten Interview mit La Croix sagt sie, die Europäische Zentralbank (EZB) habe den Energieschock 2021 für vorübergehend gehalten. Die Ereignisse hätten diese Einschätzung widerlegt. Zugleich stellt sie den Zusammenhalt des Rates als Erfolg heraus: zuhören, unterschiedliche Positionen respektieren, gemeinsam entscheiden.
Darin liegt die Spannung ihrer Amtsführung. Lagarde möchte sich weder den Anhängern höherer noch denen niedrigerer Zinsen zuordnen. Als Selbstbild wählt sie die Eule: faktengeleitet und bereit, den Kurs anzupassen. Der Anspruch an Beweglichkeit steht neben einem Eingeständnis, das für eine Hüterin stabiler Preise schwer wiegt.
Von der internationalen Anwaltskanzlei an die Spitze der Geldpolitik
Geboren 1956 in Paris, führt ihr Weg zunächst durch das Recht. Lagarde studiert Handels- und Arbeitsrecht in Paris, arbeitet für internationale Unternehmen und übernimmt 1999 die weltweite Führung von Baker McKenzie. Ihr Lebenslauf bei der EZB nennt Übernahmen, Kartellrecht und Schiedsverfahren. Ihre Berufspraxis entsteht dort, wo Interessen aufeinanderprallen und Verträge den Ausgleich festhalten.
Die spätere Notenbankchefin kennt auch Leistungssport: Früher war sie Mitglied der französischen Nationalmannschaft im Synchronschwimmen. 2007 erreicht sie als erste Frau das Finanzministerium eines G7-Staates, 2011 als erste Frau die Spitze des Internationale Währungsfonds (IWF). Es sind Karriereschritte über Landesgrenzen und Männerdomänen hinweg. Seit November 2019 leitet sie die EZB in Frankfurt.
Auf die großen Karrieresprünge fällt der Schatten der Tapie-Affäre
Der Aufstieg hat einen juristischen Bruch. Im Dezember 2016 verurteilt ein französisches Gericht Lagarde wegen Fahrlässigkeit: Als Finanzministerin hatte sie es versäumt, eine Schiedsentscheidung über eine Zahlung von rund 400 Millionen Euro an Bernard Tapie anzufechten. Das Gericht verhängt keine Strafe und verweist unter anderem auf den Kontext der Finanzkrise. Lagarde erklärt, gutgläubig und im öffentlichen Interesse gehandelt zu haben. Der IWF hält an ihr fest.
In der Pandemie folgt ein Beschluss von enormer Reichweite. Am 18. März 2020 startet der von Lagarde geführte EZB-Rat das Pandemie-Notkaufprogramm PEPP über zunächst 750 Milliarden Euro. Die Zentralbank kauft damit staatliche und private Wertpapiere, um die Transmission der Geldpolitik im Euroraum zu sichern und die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie abzufedern. Das Programm erlaubt flexible Käufe über Länder und Zeiträume hinweg. So setzt die Institution in der Krise ein Instrument mit erheblichem Spielraum ein.
Die nächste Bewährungsprobe steht vor der Tür
Lagardes eigener Maßstab für Führung bleibt die Einbindung anderer. Im La-Croix-Gespräch betont sie, Veränderungen bräuchten ein gemeinsames Ziel und und Vertrauen, Respekt und Toleranz. Das beschreibt eine Vermittlerin, die Zustimmung organisiert. Doch Einigkeit bewahrt vor Fehlurteilen nicht: In derselben Rückschau benennt sie die unterschätzte Nachfrage nach der Pandemie. Ihre Bilanz enthält den Erfolg des Zusammenhalts und die Grenzen des gemeinsamen Urteils.
Künstliche Intelligenz könne Unternehmen produktiver machen und langfristig Kosten senken, sagte Lagarde vor dem Europäischen Parlament Ende September. Zugleich warnt sie vor den Risiken hoch bewerteter KI-Firmen und wachsender Schulden. Für die Geldpolitik zählt deshalb auch, ob neue Technik Beschäftigte ergänzt oder ersetzt. Bei dieser Frage lässt sie das Urteil offen. Die Eule muss weiter beobachten, bevor sie sich festlegt.
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