Unsichere Gewissheiten: Anlage-Mantras wie Value sind oft schwer greifbar. (KI-Bild: ftd.de-Redaktion mit Magnific AI)
Anleger, die gerne in Einzelaktien investieren, kennen die schmerzhaften Erfahrungen, die Einzelaktien mit sich bringen. Es wird zu einem Unternehmen recherchiert, analysiert und es werden Bewertungsmaßstäbe angesetzt.
Das eine Mal fällt die Entscheidung auf eine Value-Chance, die auf dem Papier günstig aussieht und eine trügerische Renditechance bietet, aber dann trotzdem deutlich weiter fällt.
Ein anderes Mal fällt die Entscheidung zu Gunsten eines Papiers, dass vom Markt seit Jahren mit „Qualität hat ihren Preis“ bewertet wird – bis das Papier das plötzlich nicht mehr tut und im Depot ein blutiges Denkmal hinterlässt.
Beide Erfahrungen sind schmerzlich und beide Erfahrungen sind beim Investieren in Einzelaktien Teil des Investitionsprozess. In Zukunft werden Fehleinschätzungen aufgrund des sich beschleunigenden Wandels häufiger vorkommen. Doch manchmal lassen sich solche unglücklichen Investitionen auch vermeiden.
Was ist eine Value-Chance?
Als Value-Chance werden Aktien gesehen, die im Kurs deutlich gefallen sind und ein günstiges Ratio cours-bénéfice bieten. Das größte Problem dabei ist herauszufinden, warum die Aktie tatsächlich eine Abwertung erfährt und ob dieser Trend eine temporäre Erscheinung ist, oder ob die Aktie langfristig unter Margendruck, fallenden Gewinnen oder Umsatzrückgängen leiden könnte.
Tabak-Aktien: Wenn Value in Rendite endet
In den Jahren 2021/2022 standen die Aktien der Tabakriesen besonders unter Kursdruck. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Altria lag bei unter 10 bei einer Dividendenrendite von 7 bis 8 Prozent. Diese Bewertung und die Dividende waren allerdings kein Freifahrtschein für Rendite. Wer sich die Bilanz genau angesehen hat, konnte erkennen, dass außergewöhnliche Abschreibungen auf die Beteiligungen an JUUL und Cronos den ausgewiesenen Gewinn belasteten.
Auch wenn die Wachstumsaussichten bei Altria damals als auch heute überschaubar waren und sind, ergab sich eine Normalisierung der Gewinne in den Folgejahren. Die Margen kamen nicht unter Druck und genauso wenig der freie Cashflow. Hinzu kam, dass die Dividende sicher war. Als Ergebnis konnte die Aktie inklusive Dividende um 112 Prozent an Rendite liefern. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis steht nun wieder bei 12, während keine Wachstumserwartungen mehr gegeben sind und die Rendite primär an der Dividende von 6,4 Prozent hängt.
Spirituosen-Aktien: Wenn Value zur Value-Trap wird
Ein anderer Fall ist die Spirituosen-Industrie, die unter einem gesellschaftlichen Wandel im Konsumverhalten, rückläufigen Margen und schrumpfenden Gewinnen leidet. Im Gegensatz zur Tabakbranche, in welcher eine Margenerhöhung aufgrund der hohen Abhängigkeit einzelner Tabakmarken durchsetzbar war, gelingt das der Spirituosenindustrie nicht. Der Konsum von Spirituosen beruht weniger auf Sucht als auf Vergnügen und Genuss und Ersatzprodukte sind vielfältig und häufig günstiger. All das hat die Aktien von Spirituosenhersteller weiter belastet.
Diageo hat sich bei den Schulden übernommen und musste bereits zu Jahresbeginn die Dividende deutlich kürzen, was für viele Anleger ein Investitionsgrund war. Diese Kürzung löste eine weitere Abwärtsspirale aus. Auch wenn das Kurs-Gewinn-Verhältnis nun bei 12 steht, ist ein weiterer Abverkauf nicht auszuschließen, wenn etwa ein Vergleich zu Altria in den Jahren 2021/2022 gezogen wird.
Im Gegensatz zu vielen Spirituosenaktien hatte Altria stabile Margen und eine sichere, hohe Dividendenrendite bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis unter 10. Anleger müssen sich die Frage stellen, warum sie das Risiko bei Spirituosenaktien eingehen sollten, wenn der Trend gegen die Branche läuft, Alternativen den Markt dominieren, Margen erodieren und Schulden die Bilanzen belasten.
Starke Marken: „Qualität hat ihren Preis“
Während die Spirituosen- und Tabakaktien zwar in einschlägiger Fachliteratur als Burggrabenaktien und teilweise als Qualitätsaktien rangieren, haben sie aufgrund ihrer moderaten oder stagnierenden Wachstumserwartungen vom Markt nur Multiples im mittleren Zehnprozentbereich zugesprochen bekommen.
Ganz anders kann die Bewertung bei Unternehmen verlaufen, die von Boomphasen profitieren und das Etikett „Qualität hat ihren Preis“ mitschwingt. Jedoch nur solange die Wachstumserwartungen auch eingehalten werden. Nike ist dafür ein gutes Beispiel. Die Marke besitzt weltweit eine enorme Bekanntheit und hat über Jahrzehnte einen hohen immateriellen Wert aufgebaut.
Besonders profitieren konnte die Marke in den Jahren der Pandemie. Nike war im Höhenflug. Der Umsatzanstieg war aufgrund des Lockdowns bei 19,1 Prozent und die Margen profitierten zusätzlich vom Direktvertrieb, sodass der Gewinn je Aktie nach einem Rückgang von 35 Prozent (2020) um 122 Prozent (2021) zulegte. Der Markt bewertete das Gewinnwachstum nicht als temporären Effekt, sondern schrieb das Wachstum in die Zukunft fort.
2019 erhielt Nike „nur“ ein Qualitätspremium mit einem sportlichen Kurs-Gewinn-Verhältnis von 30, doch mit dem Wachstum erreichte Nike in der Spitze ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 45. Das Wachstum konnte naturgemäß nicht fortgeschrieben werden und auch die Nachfrage war nicht einzementiert, da die nachhaltigen Wettbewerbsvorteile fehlen, die Konkurrenten auf Abstand halten. Sportbekleidung ist auch kein lebensnotwendiges Produkt.
Wenn die Inflation steigt und die Kaufkraft sinkt, können Konsumenten Ausgaben für Schuhe und Bekleidung leichter verschieben oder auf günstigere Alternativen ausweichen. Des Weiteren verschieben sich Modetrends in der heutigen digitalen Welt immer schneller. Eine starke Marke schützt deshalb nicht zwangsläufig vor sinkenden Umsätzen und fallenden Margen.
Value und Qualität sind schwer greifbar – Risiken lassen sich reduzieren
Die genannten Beispiele zeigen, wie schwer die Begriffe Value und Qualität für Anleger einzuordnen sind. Erfahrungen entstehen über die Anlegerzeit. Einfache erste Erkenntnisse für Jedermann sind, dass hohe Dividendenrenditen keinen Freifahrtschein bieten, genauso wenig wie ein günstiges Kurs-Gewinn-Verhältnis oder das Label „Marke“. Für Anleger sind Bilanzen, Cashflows und Investorenkonferenzen wichtige Entscheidungsgrundlagen, doch es bleibt immer ein Teil der Entwicklung unvorhersehbar. Besonders irritierend wird es für viele Anleger, wenn „Qualität hat ihren Preis“-Aktien im Kurs plötzlich kollabieren und der faire Wert für den Markt schwer greifbar wird. Aus der angeblichen Kaufchance resultiert eine weitere Halbierung.
Anleger können Risiken jedoch reduzieren, indem sie Unternehmen meiden, die durch Alternativen schnell unter Druck geraten können (Sportartikel- oder Spirituosenhersteller), deren Bewertung nicht mehr mit den Wachstumsaussichten übereinstimmt oder deren Renditepotenzial zu gering ist.
Unvorhersehbare Ereignisse und Disruptionen können dennoch jederzeit Geschäftsmodelle be- oder verdrängen und Märkte verändern. Darauf haben Anleger keinen Einfluss. Anleger müssen daher lernen, mit einer Marktdynamik umzugehen, in der Veränderungen in immer kürzeren Abständen und mit größerer Wucht auftreten. Die langfristige Beständigkeit von Geschäftsmodellen ist heute weniger verlässlich als früher. Entscheidend ist, Qualität zu einem fairen Preis zu kaufen, die Entwicklung aufmerksam zu verfolgen und das Portfolio breit zu diversifizieren.
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