Nach dem jüngsten Aktien-Crash in der Türkei suchen mutige Anleger bei fundamental starken Türkei-Fonds und ETFs nach neuen Einstiegschancen. (KI-Bild: ftd.de-Redaktion mit Magnific AI)
Es sind drastische Nachrichten, die im September 2026 die Finanzwelt in Atem halten: Am türkischen Aktienmarkt ist ein spektakuläres Kartenhaus in sich zusammengefallen. Der Betreiber der Borsa Istanbul hat im Zuge eines beispiellosen Rebalancings mehr als ein Viertel der Aktien aus dem Leitindex BIST 100 geworfen.
27 Titel fliegen zum 1. Oktober hochkant aus dem wichtigsten Börsenbarometer des Landes. Was wie ein Totalschaden aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als radikale Selbstreinigung des Marktes – und wirft für mutige Anleger eine brisante Frage auf: Ist das jetzt die ultimative antizyklische Einstiegsgelegenheit?
Die Anatomie des Crashs: Gier, Fonds-Kollaps und Manipulation
Hinter dem radikalen Schritt der Indexhüter steckt kein klassischer Wirtschaftsabschwung, sondern eine dramatische Liquiditätskrise mit mutmaßlich krimineller Note. Über Monate hinweg wurden bestimmte Aktien durch intransparente Investmentfonds in astronomische Höhen getrieben. Mehrere türkische Vermögensverwalter gerieten im September in akute Zahlungsnot und konnten die Rücknahmeanträge ihrer Anleger nicht mehr bedienen. Die Finanzaufsicht musste daraufhin mehr als 130 Aktienfonds zwangsliquidieren.
Das Problem: Genau diese Fonds gehörten zu den größten Aktionären einzelner börsennotierter Unternehmen. Beim Notverkauf rissen sie ihre eigenen Beteiligungen mit in die Tiefe. Aus einer Liquiditätskrise wurde eine Verkaufswelle – und daraus ein Börsenbeben. Das prominenteste Beispiel ist Destek Finans Faktoring. Seit dem Börsenstart im Februar 2025 schoss die Aktie bis zum Hoch im Juli 2026 um rund 7.500 Prozent nach oben. 7.500 Prozent – in gut einem Jahr!
Ein Kursanstieg, der weniger nach fundamentaler Neubewertung als nach einer aufgeblähten Spekulationswette aussieht. Im September kam der Absturz. Parallel dazu gab es Festnahmen wegen des Verdachts auf Marktmanipulation. Jetzt fliegt Destek komplett aus den Kernindizes BIST 100, BIST 50 und BIST 30.
Auch Katilimevim Tasarruf Finansman erwischte es hart. Der Finanzierungsdienstleister verlor allein im September 68 Prozent und wird in den schwächeren „Ana Pazar“, den Hauptmarkt, zurückgestuft. Dazu kommen weitere Wackelkandidaten aus Technologie, Energie und Bau – von Odine Teknoloji über Kiler Holding und Isiklar Enerji Yapi Holding bis zu Pasifik Eurasia Lojistik, Izdemir Enerji und Esenboga Elektrik.
Die harte Hand der Börsenaufsicht: Klasse statt Masse
Die Borsa Istanbul zieht die Reißleine. Um das Vertrauen internationaler Investoren zu stärken, werden die Aufnahmekriterien für den Leitindex verschärft. Wer künftig im BIST 100 mitspielen will, muss im gehobenen Marktsegment „Star Market“ notiert sein, höhere Eigenkapitalschwellen erfüllen und wird zusätzlich an seiner Volatilität gemessen. Wer zu wild schwankt, fliegt raus.
Die Folge ist ein historischer Kahlschlag. Der BIST 100 bleibt dabei, was er immer war: ein Index aus exakt 100 Unternehmen. Die ausgeschlossenen Problemfälle werden durch stabilere Nachrücker ersetzt. Zu den prominenten Rückkehrern zählen Anadolu Grubu Holding und TAB Gida. Im BIST 30 übernimmt TR Anadolu Metal Madencilik den frei gewordenen Platz von Destek. Für Index-Anleger bedeutet das: Die Börse wird nicht kleiner, aber sie wird selektiver.
Warum die Absturz-Aktien keine Value-Chance sind
Wer jetzt reflexartig bei den größten Verlierern zugreifen will, sollte innehalten. Antizyklisches Investieren bedeutet nicht, jede Aktie zu kaufen, die 70 Prozent gefallen ist. Es geht darum, fundamental gesunde Unternehmen einzusammeln, wenn der Markt sie vorübergehend zu niedrig bewertet.
Bei Destek oder Katilimevim sieht die Sache anders aus. Hier ist keine normale Übertreibung korrigiert worden. Hier ist eine Spekulationsblase geplatzt – offenbar befeuert durch illiquide Fonds und deren Handelsaktivitäten. Hinzu kommt ein struktureller Nachteil: Mit dem Rauswurf aus dem BIST 100 verlieren die Aktien automatische Zuflüsse von ETFs und institutionellen Anlegern. Das kann Handelsvolumen und Liquidität weiter austrocknen.
Und solange die Ermittlungen wegen Marktmanipulation laufen und die Zwangsliquidation zahlreicher Fonds nachwirkt, kann jederzeit neuer Verkaufsdruck entstehen. Wer hier kauft, kauft deshalb kein Schnäppchen. Er kauft ein Bündel aus Liquiditäts-, Rechts- und Geschäftsrisiken.
Die eigentliche Chance liegt woanders
Interessanter wird es dort, wo der Pauschalausverkauf auch gesunde Unternehmen getroffen hat. Große, exportorientierte Blue-Chips wie Koç Holding oder Turkish Airlines haben mit der Fondskrise operativ nichts zu tun – wurden aber vom allgemeinen Stimmungseinbruch ebenfalls erfasst. Genau hier beginnt die antizyklische These: nicht die Skandalpapiere kaufen, sondern auf die Bereinigung und die verbliebenen Qualitätswerte setzen. Breit gestreut gelingt das via Fonds und ETFs.
3 Wege durch die türkische Krise
1. HSBC Turkey Equity: Der erfahrene Stockpicker
Der HSBC Turkey Equity Fund (ISIN: LU0213961682) ist mit Auflage im März 2005 einer der etabliertesten aktiven Türkei-Fonds. Das Fondsvolumen liegt bei rund 93 Millionen Euro, die laufenden Kosten bei 2,15 Prozent. Der Fonds ist thesaurierend. Auf Sicht von einem Jahr wirkt die Bilanz allerdings enttäuschend: Der Fonds kommt auf -0,4 Prozent, während der MSCI Turkey gut 17 Prozent zulegte. Doch genau dieser Rückstand erzählt die eigentliche Geschichte.
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Ein Index kann kurzfristig von Spekulationsblasen profitieren. Ein aktiver Manager, der solche Titel meidet, sieht dann zwangsläufig schlechter aus. Über längere Zeiträume dreht sich das Bild. Über 10 Jahre kommt der Fonds auf einen Wertzuwachs von 133 Prozent gegenüber 13 Prozent beim MSCI Turkey. Über 20 Jahre stehen knapp 300 Prozent gegenüber 70 Prozent. Das zeigt den Preis der Disziplin: Wer Spekulationsblasen auslässt, verpasst in einzelnen Phasen Rendite. Dafür muss er deren Platzen nicht mitmachen.
Die Idee: Nicht den nächsten Hype kaufen, sondern auf ein Management mit langjähriger Erfahrung im türkischen Aktienmarkt setzen.
2. Turkish Value Fund: Neuer Fonds, erfahrener Manager
Ganz anders tickt der Turkish Value Fund (ISIN: DE000A41EWE7). Der Fonds wurde erst im Oktober 2025 aufgelegt und wird von Arve Asset Management verwaltet. Als Berater fungiert Haydar Acun von Marmara Capital. Sein Track Record reicht dagegen deutlich weiter zurück: Im Originalfonds erwirtschaftete er eine Netto-Performance von +12,2 Prozent jährlich in US-Dollar über die vergangenen 10 Jahre. Mit rund 12 Millionen Euro Volumen ist der Fonds noch ein Winzling. Die laufenden Kosten liegen je nach Anteilsklasse zwischen 1,6 und gut 2 Prozent.
Die Strategie ist dafür glasklar: ausschließlich türkische Aktien, ausgewählt nach klassischem Value-Ansatz – unterbewertete Unternehmen mit solider Bilanz statt Story-Aktien. Das Portfolio ist praktisch vollständig in der Türkei investiert und läuft überwiegend in Lira. Zu den größten Positionen zählen Gimat Magazacilik, Anadolu Efes, Mavi Giyim, Vakko Tekstil und Karsan Otomotiv. Bemerkenswert: Keiner der jetzt aus dem BIST 100 verbannten Krisennamen taucht im Portfolio auf.
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Der Fonds selbst ist zwar zu jung für eine mehrjährige Erfolgsbilanz. Das Management bringt mit dem Track Record des zugrunde liegenden Ansatzes allerdings bereits langjährige Erfahrung mit. Das geringe Volumen bleibt dennoch ein Punkt, ebenso die damit verbundenen Liquiditäts- und Konzentrationsrisiken.
Die Idee: Ein unbelastetes, konsequentes Value-Portfolio mit erfahrenem Management – aber einem noch jungen Fonds und entsprechend kleiner Fondsgröße.
3. iShares MSCI Turkey ETF: Die passive Wette auf die Bereinigung
Wer nicht auf einen Fondsmanager setzen möchte, kann die Neuordnung des Marktes direkt kaufen. Der iShares MSCI Turkey UCITS ETF (ISIN: IE00B1FZS574) bildet den MSCI Turkey physisch ab. Werden hochvolatile Krisenwerte aus dem Index entfernt, verschwinden sie automatisch auch aus dem ETF.
Die Wertentwicklung zeigt, wie heiß der türkische Markt in den vergangenen Jahren gelaufen ist: Über 5 Jahre liegt das Plus bei rund 117 Prozent – und das trotz der chronisch abwertenden türkischen Lira. Die Kehrseite: Die Volatilität liegt bei rund 32 Prozent. Das ist keine ruhige Depotbeimischung. Das ist eine Türkei-Wette mit eingebautem Nervenkitzel.
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Auch bei der Diversifikation sollte sich niemand täuschen lassen. Die 10 größten Positionen machen rund 76 Prozent des Index aus. An der Spitze stehen Bim Birlesik Magazalar, Akbank, Tüpraş, Turkish Airlines und Koç Holding mit jeweils rund 9,5 bis knapp 10 Prozent. Dazu kommen Isbank, Yapi Kredi Bankasi, Turkcell, Sabancı Holding und Aselsan. Wer diesen ETF kauft, kauft damit im Kern eine Wette auf eine Handvoll türkischer Großbanken, Industrieunternehmen und Familienkonglomerate.
Die Idee: Automatisch an der Marktbereinigung teilhaben – dafür das volle Länder-, Währungs- und Klumpenrisiko akzeptieren.
3 Antworten auf dieselbe Krise
3 Fonds, 3 unterschiedliche Wege: Der HSBC Turkey Equity Fund setzt auf aktives Management und langjährige Türkei-Erfahrung. Der Turkish Value Fund kombiniert einen konsequenten Value-Ansatz mit einem erfahrenen Manager, ist als Fonds aber noch jung. Der iShares MSCI Turkey ETF setzt dagegen auf die automatische Bereinigung durch den Index. Gemeinsam ist allen 3 Strategien: Wer auf eine Erholung der Türkei setzt, kauft nicht nur Aktien, sondern auch ein erhebliches Währungs- und Länderrisiko.
Die Lira bleibt der Elefant im Raum
Die größte Variable bleibt die türkische Lira. Steigen die Aktien in Landeswährung, kann eine weitere Abwertung einen erheblichen Teil der Rendite für Euro-Anleger wieder auffressen. Dazu kommen politische Risiken, hohe Volatilität und die starke Konzentration auf wenige Großunternehmen und Banken. Das Beben von Istanbul macht die Türkei deshalb nicht automatisch zum Schnäppchen. Es hat aber das Spielfeld verändert: Die extremsten Spekulationswerte werden aus den großen Indizes gedrängt, während fundamental stärkere Unternehmen mehr Gewicht bekommen.
Fazit: Bereinigung statt Freifahrtschein
Der Kahlschlag am Bosporus ist kein Todesurteil für den türkischen Aktienmarkt. Er ist vielmehr ein harter Schnitt, der einige der extremsten Auswüchse beseitigt. Für Anleger bedeutet das: Nicht jeder Kurssturz ist eine Value-Chance. Interessanter wird die Türkei dort, wo solide Unternehmen vom allgemeinen Ausverkauf mit nach unten gezogen wurden. Wer diese Wette eingeht, braucht allerdings Geduld – und muss mit erheblichen Währungs- und Kursschwankungen leben. Der Bosporus bleibt ein heißes Pflaster. Aber gerade nach einem Beben lohnt sich der zweite Blick.
Disclaimer:
Non consigli sugli investimenti. Nessuna chiamata per acquistare o vendere titoli.
Il contributo Das Aktienbeben von Istanbul: Crash oder Chance? Fonds und ETFs für die Türkei è apparso per primo ftd.de.