Türkei zwischen Krisen und Rendite: ETFs, Fonds – und ein neuer Value-Player

Exportorientierte Unternehmen an der Börse Istanbul profitieren von Währungseffekten. (Foto: Freepik, EyeEm)

Inflation, Lira-Absturz, politische Schocks: Kaum ein Aktienmarkt wirkt auf westliche Anleger so toxisch wie die Türkei. Seit Jahren dominiert das Narrativ vom permanenten Krisenland. Doch hinter dem Dauerfeuer aus Negativschlagzeilen verbirgt sich ein Börsenplatz, der historisch günstig bewertet ist – und dessen beste Unternehmen internationaler aufgestellt sind als je zuvor. Während ETFs und klassische Fonds für Aktien vom Bosporus reihenweise kapitulieren, wagt nun ein neuer Value-Fonds den Gegenangriff.

Ein Land im wirtschaftlichen Dauerstresstest

Die Türkei ist ein ökonomisches Paradox. Auf der einen Seite wächst die Wirtschaft solide, der Tourismus boomt, die Industrie exportiert auf Rekordniveau. Auf der anderen Seite frisst die Inflation weiter die Kaufkraft, das Vertrauen in die Währung ist erschüttert, und die Geldpolitik bleibt politisch unter Beobachtung.

Der Kern des Problems heißt Lira. Seit Jahren befindet sie sich im strukturellen Abwertungstrend, zuletzt beschleunigt durch Zinssenkungen, die offiziell den disinflationären Prozess begleiten sollen, von den Märkten aber als Einladung zur weiteren Schwäche interpretiert werden. Für türkische Sparer ist das eine Enteignung auf Raten. Für internationale Investoren ein Währungsrisiko, das jede Aktienrendite überlagern kann.

Zwar hat die türkische Zentralbank zwischenzeitlich mit drastischen Zinserhöhungen gegengesteuert, doch die Glaubwürdigkeit bleibt beschädigt. Die Inflation ist weiterhin hoch, die Zinsen wurden erneut gesenkt, politische Eingriffe prägen die Geldpolitik stärker als ökonomische Lehrbücher. Die Erinnerung an abrupte Führungswechsel, ideologiegetriebene Entscheidungen und institutionelle Erosion sitzt tief.

Das Ergebnis ist eine fragile Stabilisierung: Die Inflation sinkt, aber zu langsam. Die Zinsen fallen, aber zu früh. Und die Lira bleibt schwach, weil kaum jemand darauf wettet, dass dieser Kurs über mehrere Jahre durchgehalten wird.

Warum der Aktienmarkt trotzdem Chancen bietet

An der Börse zeigt sich diese Unsicherheit in einem bemerkenswerten Widerspruch. In lokaler Währung eilen viele Aktien von Hoch zu Hoch, in Euro oder US-Dollar notieren sie weit unter früheren Niveaus. Das ist kein Zeichen von Stärke, sondern Ausdruck permanenter Währungsentwertung. Für ausländische Anleger wirkt der Markt wie ein Fass ohne Boden – für exportorientierte Unternehmen dagegen wie ein struktureller Rückenwind.

Denn genau hier liegt die eigentliche Stärke der türkischen Börse. Viele der führenden Industrie- und Dienstleistungsunternehmen erwirtschaften ihre Umsätze längst außerhalb des Landes. Sie exportieren Autos, Haushaltsgeräte, Textilien, Chemieprodukte oder Maschinen nach Europa, in den Nahen Osten und nach Nordafrika. Ihre Erlöse fließen in Euro oder Dollar, ihre Kosten fallen in Lira an. Jede Abwertung verbessert die Margen und stärkt die Wettbewerbsfähigkeit.

Während der binnenorientierte Konsum unter Inflation und Kaufkraftverlust leidet, floriert der exportgetriebene Teil der Wirtschaft. Der Markt ist daher nicht pauschal attraktiv, sondern selektiv. Wer blind den Index kauft, bekommt Banken, Baukonzerne und staatsnahe Unternehmen mit strukturellen Problemen. Wer gezielt auswählt, findet global wettbewerbsfähige Firmen zu Bewertungen, die an klassische Schwellenländerkrisen erinnern.

Politische Wirren als Dauerabschlag

Dass dieser Bewertungsabschlag so hartnäckig bleibt, hat einen klaren Grund: Politik. Die Türkei ist kein normaler Investitionsstandort. Macht ist zentralisiert, Institutionen geschwächt, die Justiz politisiert. Jeder Konflikt zwischen Regierung und Opposition kann Kapitalflucht auslösen. Jede diplomatische Eskalation schlägt unmittelbar auf Währung und Börse durch.

Für Fondsmanager ist das ein Albtraum. Für langfristig denkende Investoren aber auch eine Quelle systematischer Unterbewertung. Politische Risiken werden pauschal eingepreist, unternehmerische Qualität hingegen oft ignoriert. Genau diese Diskrepanz schafft Raum für Alpha.

Der Exodus der Fondsindustrie

Für die Fondsbranche ist die Türkei zum Stresstest geworden. Hohe Inflation, die chronisch schwache Lira und politische Unberechenbarkeit haben den Markt über Jahre unattraktiv gemacht – nicht nur für Anleger, sondern auch für Anbieter. Viele aktiv gemanagte Türkei-Fonds wurden still eingestellt, Opfer geringer Volumina und ausbleibender Mittelzuflüsse.

Der Grund ist weniger spektakulär als strukturell. Volatilität lässt sich erklären, politische Risiken kaum modellieren. In einem Umfeld, in dem einzelne Ereignisse zweistellige Kursbewegungen auslösen können, wird es für große Fondsgesellschaften zunehmend schwierig, konsistent Mehrwert zu liefern – und wirtschaftlich tragfähige Produkte zu betreiben.

Symbolisch für diesen Rückzug steht die Auflösung des DWS Türkei-Fonds. Offiziell war es das geringe Volumen, faktisch aber die Summe wiederkehrender Belastungen: politische Schocks, Performance-Druck und schwindendes Anlegervertrauen. Ereignisse wie zuletzt die Verhaftung des Oppositionspolitikers Ekrem İmamoğlu im Jahr 2025 wirken immer wieder als Katalysator und machten den Weiterbetrieb solcher Nischenfonds ökonomisch unrentabel.

Übrig geblieben ist eine Zwei-Klassen-Gesellschaft: passive ETFs auf der einen Seite, eine kleine Gruppe hoch spezialisierter aktiver Fonds auf der anderen.

ETFs: billig, verfügbar – und strukturell limitiert

Die ETFs dominieren heute das Bild. Sie bieten einen günstigen, mechanischen Zugang zum Markt, meist über den MSCI Turkey. Platzhirsch ist der iShares MSCI Turkey UCITS ETF (ISIN: IE00B1FZS574), aufgelegt 2006 und mit rund 100 Millionen Euro Volumen der größte Vertreter. Wer heute Türkei kauft, kauft meist diesen ETF – nicht aus Überzeugung, sondern aus Mangel an Alternativen. Die Bilanz: Auf zehn Jahre gerade einmal rund zehn Prozent Rendite.

Daneben existiert nur noch eine schmale Restpopulation aktiver Fonds. Der dienstälteste ist der Erste Stock Istanbul (ISIN: AT0000704341) der seit 2001 durchgängig in türkische Aktien investiert. Doch auch dieses Urgestein bleibt mit etwa 21 Millionen Euro Volumen klein – und liefert auf zehn Jahre lediglich rund 33 Prozent Rendite. Das ist kaum mehr als Kapitalerhalt mit zusätzlichem Aktienrisiko.

Laut FWW sind für deutsche Anleger derzeit noch sieben Türkei-Aktienfonds verfügbar: zwei ETFs von Amundi und iShares sowie fünf aktive Produkte von Akbank, HSBC, BNP Paribas, der Erste Bank Group – und als einziges neues deutsches Vehikel der Turkish Value Fund von Hauck & Aufhäuser.

Unter den aktiven Fonds sticht vor allem einer hervor: der HSBC Turkey Equity (ISIN: LU0213961682). Fondsmanager Murat Ignebekcili erzielte in den vergangenen zehn Jahren rund 160 Prozent Rendite, knapp zehn Prozent pro Jahr – ein starkes Ergebnis in einem Markt, der für passive Investoren lange Zeit ein Verlustgeschäft war.

 

Fondsname ISIN Entwicklung 3 J. Entwicklung 5 J. Entwicklung 10 J.
HSBC Turkey Equity LU0213961682 +36% +134% +159%
BNP Paribas Turkey Equity LU0823433429 +52% +106% +61%
Erste Stock Istanbul AT0000704333 +20% +75% +33%
Akbank Turkish Equities LU0366551272 +3% +54% +25%
iShares MSCI Turkey ETF IE00B1FZS574 +21% +60% +10%
Amundi MSCI Turkey ETF LU1900067601 +26% +72% n. a.
Turkish Value Fund DE000A41EWE7 n. a. n. a. n. a.
Stand: 16.01.2026

 

Indexlogik als systematischer Nachteil

Hier zeigt sich der strukturelle Unterschied zwischen ETF und aktivem Fonds. ETFs bilden den Markt ab – und damit auch seine Schwächen. Sie sind stark in Banken, staatsnahen Konglomeraten und hoch verschuldeten Unternehmen engagiert. Bilanzqualität, Preissetzungsmacht oder Hard-Currency-Cashflows spielen keine Rolle. Das Lira-Risiko ist vollständig und ungefiltert enthalten.

In einem Markt, der von politischen Eingriffen, Währungsschocks und emotionalen Überreaktionen geprägt ist, wird diese Indexlogik zum systematischen Nachteil. Genau dort entstehen die Chancen für spezialisierte Fondsmanager, die selektiv investieren und Ineffizienz in Alpha verwandeln.

Der Turkish Value Fund als Gegenmodell

In dieses Vakuum stößt der neue Turkish Value Fund (ISIN: DE000A41EWE7) von Marmara Capital – und zwar nicht mit Marketing, sondern mit belastbaren Zahlen. Das in Deutschland aufgelegte Produkt ist die internationale Fondshülle des MAC Mutual Fund, der in der Türkei seit 2015 nach exakt diesem Ansatz gemanagt wird.

Der Track Record ist außergewöhnlich. Während der türkische Leitindex BIST 100 über die vergangenen zehn Jahre in US-Dollar gerechnet eine negative Rendite von rund –3,1 Prozent pro Jahr erzielte, erwirtschaftete die Marmara-Strategie im gleichen Zeitraum eine Netto-Performance von +12,2 Prozent jährlich in US-Dollar. Das ist keine kosmetische Outperformance, sondern ein struktureller Abstand von mehr als 15 Prozentpunkten pro Jahr. Für Marmara ist der türkische Markt daher kein Problem-, sondern ein Alpha-Markt: ineffizient, emotional, politisch überlagert – und damit ideal für aktives Stockpicking.

Konzentrierter Value statt Benchmark-Denken

Der Fonds investiert mindestens 80 Prozent seines Vermögens in türkische Aktien und hält bewusst ein konzentriertes Portfolio aus 20 bis 30 Titeln, im Originalfonds aktuell sogar nur 19 Positionen. Investiert wird nur, wenn der innere Wert deutlich über dem Börsenkurs liegt. Gibt es keine attraktiven Gelegenheiten, wird Liquidität gehalten oder das Marktrisiko abgesichert. Das ist der fundamentale Unterschied zu ETFs, die selbst dann voll investiert bleiben, wenn der Markt politisch oder währungstechnisch brennt.

Erfahrung schlägt Emotion

Verantwortlich für die Strategie ist Haydar Acun, einer der erfahrensten Value-Investoren des Landes mit mehr als 30 Jahren Markterfahrung. Er hat Boomphasen, Crashs, Währungskrisen und politische Schocks erlebt. Seine zentrale Erkenntnis: In der Türkei entscheidet nicht Makro-Timing über den Erfolg, sondern Unternehmensqualität – und Geduld. Der Ansatz ist strikt bottom-up. Investiert wird in Mid- und Large-Caps mit globaler Verankerung, stabilen Cashflows und Preissetzungsmacht. Spekulative Wetten oder Hebelstrategien spielen keine Rolle.

Was im Portfolio steckt

Ein Blick auf die aktuellen Beteiligungen zeigt, wie stark sich der Fonds vom klassischen Türkei-Index unterscheidet. Zu den Kernpositionen zählen Unternehmen wie Anadolu Efes (Getränke), Mavi Jeans (Textil) oder Turkcell (Telekommunikation) – allesamt Firmen mit starker Marktstellung, internationaler Präsenz und hohen Hard-Currency-Einnahmen.

Auch die Branchenstruktur ist untypisch. Während der BIST 100 stark von Banken und staatsnahen Finanzwerten dominiert wird, machen diese im Marmara-Portfolio nur rund 10 Prozent aus. Stattdessen liegen die Schwerpunkte auf Food & Beverage mit rund 28 Prozent sowie Versicherungen mit etwa 12 Prozent. Dazu kommen Industrie, Konsumgüter und ausgewählte Dienstleister. Das Ergebnis ist ein Portfolio, das von globaler Nachfrage profitiert – und nicht vom türkischen Kreditzyklus abhängt.

Ein Fonds für die Stunde der Skepsis

Dass Marmara den Fonds ausgerechnet jetzt nach Deutschland bringt, ist kein Zufall. Politische Risiken, schwache Lira, geringes Anlegervertrauen – genau das drückt die Bewertungen. Und genau darin liegt das Potenzial.

Der Turkish Value Fund ist kein Produkt für Bequemlichkeit. Aber er ist eines der wenigen Vehikel, mit dem sich gezielt auf die unternehmerische Substanz der Türkei setzen lässt – statt auf ihre Währung oder ihre Politik.

Chancen und Risiken – die ehrliche Bilanz

Die Chancen: historisch niedrige Bewertungen, starke Exportdynamik, strukturelle Wettbewerbsvorteile durch die schwache Lira. Die Risiken: politische Eskalationen, erneute Inflationsschübe, Vertrauensverlust in die Notenbank. Die Türkei bleibt ein Hochrisikomarkt. Aber genau deshalb ist sie auch ein Markt für Chancen auf Alpha.

Der ungeliebte Markt mit dem größten Hebel

Die Türkei ist kein Investment für Bequemlichkeit. Sie ist ein Investment für Überzeugung. Wer politische Schlagzeilen, Währungsturbulenzen und Volatilität aushält, bekommt Zugang zu einem der am stärksten verzerrten Aktienmärkte der Welt. Der Turkish Value Fund setzt genau hier an. Er versucht, unternehmerische Stärke von makroökonomischer Dysfunktion zu entkoppeln. Oder in Turnaround-Logik: Nicht dort investieren, wo es sich gut anfühlt – sondern dort, wo es sich rechnet.

 

Disclaimer:
Non consigli sugli investimenti. Nessuna chiamata per acquistare o vendere titoli.

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